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     Sie haben mir, hochgeehrter Herr, mit Ihrem Schreiben
eine grosse Freude bereitet. Die Arbeit die ich unternehme,
thürmt sich so massenhaft auf, dass ich jede Unterstützung
doppelt dankbar annehme. Wohl war mir diesmal fast
Alles bekannt, da ich bereits viele hundert Stellen vorge=
merkt habe, die nachzuschlagen sind, wobei denn na=
türlich die Bände selbst u alle Jahrgänge mit in
Arbeit genomen werden, da man so häufig auf diese
Art gar Vieles findet, was an Werth das Gesuchte noch
übertrifft. Dann war ich auch durch Köchel selbst
au fait der Eisenstadt – Pottendorf – Neustadt Verbin=
dungen. Die versprochenen Sachen hat Jahn noch
nicht geschickt; ich habe ihm gestern geschrieben
und dabei auch dei Cataloge von Dr Kragitscheck
erwähnt. In Eisenstadt war ich noch nicht. Diese
äusserst schwierige Angelegenheit habe ich nur in

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sehr weiten Bogen zu umkreisen gewagt. Eine gütige
Vorsehung liess mich die einzigen Wege finden, mit
Erfolg in der Sache vorwärts gehen zu können, um
vor allen Dingen Vertrauen zu gewinnen, denn durch
häufige Diebstähle und noch häufigere Plackereien
ist ein solches Misstrauen an den betreffenden Orten
eingerissen; dass ich selbst nach vollbrachtem Siege
mich jetzt über denselben wundere. Genug, im Juni
sitze ich in Eisenstadt, wo Schloss und Riegel fallen
werden. Es war mir zugleich die Möglichkeit geboten,
schon jetzt eine Übersicht gewinnen zu können über
die dort aufgehäuften Schätze. Was Artaria an
Briefen u Compositionen besitzt, habe ich ebenfalls
bereits benutzt. Uber Werner besitze ich Vieles, da mich
der Mann imer mehr interessirte; er wird eine
Hauptfigur bilden. Schon jetzt war ich im Stande eine
Anzahl Haydn'scher Compositionen mit Entstehungs
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Jahr bezeichnen zu können. Sonntag lernte ich auch
den 90 jährigen Schönauer in Baden kennen (er
hatte mir früher schon geschrieben). Dieser Mann
sang bei den ersten Aufführungen der Schöpfung
und kopirte selbst die Musikalien mit 3 Gehülfen.
Es war rührend zu sehen, wie der Mann in der
Erinnerung des Erzählten sich ordentlich verjüngte.
In Eisenstadt soll ich noch zwei Kapell-Mitglieder,
Uhl und Lorenz, finden; Prinster ist
†.
     Nochmals danke ich Ihnen herzlich für Ihr
freundliches Entgegenkomen; ich hoffe, unsere
Correspondenz wird ihre Fortsetzung finden. Sobald
ich mit Eisenstadt, Rohrau, Esterhaz fertig bin,
komme ich nach Neustadt und suche Sie persönlich
auf und hoffe dass auch Sie, verehrter Herr, in Wien
nicht an der bescheidenen Kleeblattgasse vorüber gehen.
                        Hochachtungsvoll
                                                Ihr ganz ergebenster
Wien, den 22. Mai 1867.                               F. Pohl

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