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          Hochzuverehrender hς!

Ich erinnere mich öfter mit Vergnügen an jene Stunde, die ich in Ihrer Gesellschaft hier zugebracht
habe, und das von Ihnen mir unterlassnes Lied bewahre ich noch imer als freundschaftliches
Andenken. Sie werden mir es daher nicht übel deuten, wenn ich Ihnen ein Paar kurze
Schriftchen von mir mittheile, die ich heraus gab. Sie betreffen die Ehre Mozarts,
den Sie eben so wie ich schätzen, und der von hς Weber Gottfried in Darm=
stadt gröblich in Betreff seines Requiems hergenomen worden ist. Mehrere
Musikkenner haben mich dazu aufgefordert, weil Sie wußten, daß ich genaue
Wissenschaft von Entstehung dieses Requiems hatte. Obschon hς Weber wider
meine erste Vertheidung unanständig wider mich geschrieben hat, so erachtete
ich es doch desto nöthiger einen Nachtrag zu den ersten Schriften zu liefern,
da ich inzwischen die Handschrift Mozarts selbst erhalten, die augenscheinlich
entscheidet, daß Mozart wirklich der Verfasser der ersten 3 Sätze
durchgehends ist und Süßmayr nur einige von Mozart deutlich
angedeütete Instrumentirsätze ausgefüllet hat, was auch von einem
gewandten Abschreiber hätte geschehen können. – Da nun
aber unterm 10 8br 1826 Mardi im Journal des Debats Politiques et
litteraires
unter der Aufschrift Chronique Musicale – Requiem de Moz.
bey Gelegenheit des Streites zwischen mir und Gottfr. Weber unter anderm ge=
schrieben worden, ich würde dieses Requiem neuerdings öffentlich heraus=
geben und anzeigen, was von Moz. Händel, und Süßmaÿr herrühre,
so kann ich hoch und theuer versichern, daß mir dieß niemals in den Sinn
gekomen, um so weniger, da Händel gar keinen andern Theil hat,
als daß Mozart nur drei von den ersten Tacten des Requiem, und
daß Motiv von der Fuge, welches beydes ihm sehr gefil, aufgenomen,
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aber nach seiner eignen Art meisterlich bearbeitet hat. Ich schreibe Ihnen
dieß, daß Sie vieleicht gelegeheitlich die Ehre Mozarts zu retten
das Ihrige beytragen. Es ist nun erwiesen, daß hς W. den Moz
in Rücksicht dieses Requiems unbescheiden herabzusetzen sich bemüht,
weil er dadurch sein eignes Req. wozu er Text, Musik, Recension
im 10t Heft sein musik Zeitschrift selbst geliefert, mehr Eingang zu
verschaffen suchte, und Moz Req. ganz in Vergessenheit gekomen
zu seyn sich einbildete.

Ant Reicha Professeur de Composition
     a l’ecole Royale de Musique et
     de Déclamation
.  Vide 4 Heft der Cäc.
                            Seite 85