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Paris le 1.
April
1764.
Monsieur!
Die Narren sind halt aller Orten nicht
gescheid. In Paris ist sonst dem Scheine nach
aller Aberglauben verbannet. Ja sie ma=
chen sich nichts daraus manche Kirchenge=
bothe als aberglaubische Sachen anzusehen:
und sehen sie eine Finsterniß kann der
Gegenstand eines allgemeinen Lermens in
Paris seÿn! schon 14. Täge her haben die
Gläserer in Paris alle alte Trümmer von
zerbrochenen Gläsern zusammengesucht, und
theils in form eines
Octav-blätls, theils
wie es der Glasscherbe gab, solche blau,
oder vielmehr schwarz anlauffen lassen,
die Ränfte mit Goldpapier eingefasst, und
sowohl beÿ ihren Läden zum Kauf aus=
gesetzt, theils durch alle Strassen herum=
tragen und ausrüffen lassen. So, daß
man Gestern schon iedermann durch diese
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Gläser nach der Sonne sehen und solche Pro=
bieren sache. Das ist nun kein Aber=
glaube: – – aber daß die Leute in der
Früehe in die Kirche eÿlten, um vor der
Vergifftung des Luftes sicher zu seÿn, die
durch diese Fünsternisse entstehen wurde;
daß iedermann sagte und glaubte, daß
um 9. Uhr die letzte Messe seÿn werde;
daß dann alle Kirchen gesperrt werden;
daß diese Finsterniß so schwer seÿn werde,
daß ein Pest in der Folge zu beförchten
seÿe; daß es ganzer 3. Stunden so fin=
ster seÿn werde, daß man sich der Lichter
wird bedienen müssen, und hundert an=
dere Sachen; Dieß sind wohl pöbelhafte
Aberglauben. – – Und wissen sie daß
selbst die Geistlichkeit |: vieleicht unschuldi=
ger weiße :| daran Schuld ist. Man
hat von allen Kanzeln verkündiget,
daß den 1.
tς April wegen der Finsterniß
das Hoche Amt und der hernach gewöhnliche
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Chor, das sonst um 10. Uhr bis halbe 12.
Uhr ist, um 8. Uhr seÿn werde, man hat
aber die rechte Ursache nicht beÿgeset=
zet, sondern nur beÿgefüget:
um alle
Unordnung zu verhinderen. Dieses hat
der Pöbel auf sich gezogen, da es doch von
der Geistlichkeit selbst zu verstehen ware,
die sich, so gar in Klöstern nicht so, wie
in Teutschland einschräncken lässt, und ei=
nige um die Fünsterniß zu betrachten
auf das berühmte
Observatoire, das
Louis XIV
ano 1667. hat bauen lassen,
lauffen, andere solche vom Hause aus
oder sonst wo beobachten, folglich eine
gänzliche Unordnung seÿn werde. Um
nun allen diesen Herrn die Bequem=
lichkeit zu verschaffen, hat man Chor
und HochAmt früher gehalten. – – –
parturiunt montes, nascetur ridiculus
mus. Die Glaserer haben ihre Gläser
nicht umsonst gemacht; aber die Käuffer
haben ihr Geld umsonst ausgegeben.
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Es war ein starckes Regenwetter; und
dennoch war es nicht fünsterer, als wie es
etwa ist, wenn es anfängt Abend zu wer=
den.
Wir sind, Gott unendlichen Danck ge=
sagt, alle Gesund; und nun kann ich
ihnen mit Vergnügen sagen, daß ich hoffe
in wenig Tägen denen
Banquiers Turton
et Baur 200 Louis d'or zu behändigen,
um solche entzwischen in sichere Hände zu
geben, und seiner Zeit nach Salzburg über=
machen zu lassen. Ich habe den 9.
tς Apri=
lis wiederum ein solchen Schröcken auszu=
stehen, den ich den 10.
tς Martij hatte: Doch
zweiffle ich sehr, ob der Schröcken gar so groß
seÿn wird wie der Erste, wo ich in dem
Concert den 10.
Martij 112.
Louis d'or
eingenommen. Doch es sind 50 in 60.
Louis d'or auch nicht zu verachten, und
wenn es mehr ist, so schiebt man es in Sack.
Es wird beÿm Eingange ins
Concert kein
Kreuzer bezahlt; sonderen wer kein
Billet
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Billet hat, wird nicht eingelassen, er seÿe
auch wer er wolle. Meine Freunde ver=
theilen 8. Tage vorher die
Billets, jedes
für einen Laub= oder Feder Thaler, deren
4. ein
Louis d'or sind; und sie empfangen
dafür das Geld. Doch werden die mei=
sten
Billets zu 12 und 24 an
Damen ge=
geben, die es dann um so leichter austhei=
len, weil man solches anzunehmen aus
Höflichkeit nicht abschlagen kann.
est mo=
dus in rebus. oder zu Teutsch,
die Hς:
Franzosen wollen gefoppet seÿn. Auf
dem
Billet |: das auf einem Kartenblat
geschrieben, und mein Bettschaft beÿgedru=
ket ist :| stehen nichts als diese Worte
Au Théâtre de M: Felix; rüe et Porte S:t
Honoré, ce Lundi 9 avril à six heures
du Soir. Die ist ein Saal, in dem Hause
eines vornehmen Herrn, in welchem ein
klein
Théâtre stehet, auf dem oft die
Noblesse unter sich selbst
agiren und
Comoedien aufführen, und diesen Platz
habe ich durch die
Madame de Clermont,
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die in diesem Hauße wohnet, erhalten.
Die Erlaubniß aber die 2.
Concert zu
halten ist ganz was besonderes, und ist
schnur gerad wieder das
Privilegium
so der König der
opéra, dem
Concert
Spirituel und dem französischen und
Itäliänischen
Theatro gegeben, und diese
Erlaubniß hat durch absendung und ei=
gener Zuschrift des
Duc de châtres,
Duc
des Duras,
Comte de Tessé und vieller
der ersten
Damen von dem
Mr: de
Sartine Lieutenant General de la Police
müssen erhalten werden. – – Nun
etwas anders.
Ich bitte den
12.tς angefangen,
13tς,
14, 15, 16, 17, 18 und 19 aprilis, nämlich
8. Täge nach einander, täglich eine heil:
Mess für uns lesen zu lassen. Sie
mögen solche austheilen nach ihren be=
lieben, in was für einer Kirche, und
auf was für einem Altar. Wenn
nur
4. davon zu
Loreto beÿm heil
ς:
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Kindl, und
4 auf einen unser lieben
Frauen Altar gelesen werden, Es mag
in der Pfarr, oder sonst wo seÿn; wo
es etwa der Frau Hagenauerin gelegen
ist, mit ihrer andächtigen Gegenwart
vielleicht etwas beÿtragen zu wollen.
Nur bitte diese 8. Täge, vom 12.
tς
bis 19.
tς aprilis inclusivé solche gewiß
lesen zu lassen. Sollte der Brief aber
nach dem 12.
april wieder Vermuthen erst
anlangen, so bitte gleich den anderen
Tag darauf anfangen zu lassen: Es
hat seine wichtigen Ursachen. Nun ist
es auch Zeit ihnen von meinen 2. Freun=
den aus Sachsen
Herrn Baron v Hopf=
garten und v Bosé etwas zu sagen.
Sie sind vor ungefehr 2. Monat von
hier nach Italien abgegangen um oder
durch Kärnthen oder über Salzburg nach
Wienn zu gehen. Ich habe ihnen einen
Simplen Brief an Sie mit gegeben, da=
rinne ich mich auf dieß, was ich ihnen
iezt schreibe, beziehe. Sollten sie
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nun über Salzburg gehen, so bitte ich sie
ihnen an die Hand zu gehen, damit sie nicht
nur alles sehen, was zu sehen ist; sonderen
dahin zu trachten, daß ihnen beÿ Hofe
alle Ehre erwiesen wird; indem ich selbst
der Augenzeuge bin von den grossen
Ehren, die solche an den Tafeln und an
den Höfen des Churfürsten aus Baÿern,
dann zu Ludwigsburg, am Pfälzer Hofe
zu Schwezingen, zu Maÿnz, zu
Brüssl
beÿm Prinz Carl, und hier in
Versailles
empfangen haben. Sie sind unsere ge=
treuen Reisefreunde gewesen. Bald
haben wir ihnen, bald sie uns die
quar=
tier bestellt. Hier werden sie 2. Men=
schen sehen, die alles haben, was ein ehr=
licher Mann auf dieser Welt haben soll:
und, wenn sie gleich beÿde Lutheraner
sind; so sind sie doch ganz andere Lu=
theraner, und Leuthe, an denen ich mich
oft sehr erbauet habe. Zum Abschiede
hat Herr
Baron v Bose dem Wolfg
ς:
ein
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ein schönes Buch, darinnen geistliche Betrach=
tungen in Reimen sind zum Angedencken
gegeben, und hat voran folgendes hinge=
schrieben:
Nimm kleiner, 7. Jähriger Orpheus, dieß
Buch aus der Hand deines Bewunderers
und Freundes! Lies es oft, – – und fühle
seine göttlichen Gesänge, und leihe ihnen
|: in diesen seeligen Stunden der Empfin=
dung :| deine unwiederstehlichen Harmo=
nien; damit sie der fühllose Religions=
verächter lese, – – und aufmerke! – –
damit er sie höre – – und niederfalle, und
Gott anbethe.
Friedrich Carl
Baron
v Bosse.
Diese 2. Herren können ihnen hundert
sachen von unserer Reise erzehlen, und
ihr umgang wird ihnen Tausend Vergnü=
gen machen. Wenn sie kommen, so
kommen sie nach der
Ascensa von Venedig.
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Der grössere ist der
Baron Hopfgarten
und der
kleinere der
Baron v Bose.
Die Frau Hagenauerin lasse ich, nebst
meiner Empfehlung bitten, die
manchetten
oder datzl, die ich ihr in Handen gelassen,
wenn solche nicht verkauft sind, oder was
sie noch hat, zu behalten: denn ich werde
auf meinen Reisen meine
mancheten
zimmlich zusamm reißen, daß ich sie dann
selbst gebrauchen kann.
Nun sind wir mit allen Gesandten
der auswertigen
Potenzen hier bekannt.
Der englische gesandte
Milord Bedfort und
sein Sohn sind uns beÿde sehr gewogen;
und der Russische,
Prince Gallitzin, liebt
uns wie seine Kinder. In etlichen Tä=
gen werden die
Sonaten, die der Herr
Wolfgang
ς: der
M:me la comtesse de
Tessé dedicirt hat, fertig. Sie würden
schon eher fertig geworden seÿn; allein
die
Dedication, die unser bester Freund
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M:r Grimm gemacht, wollte die
Comtesse
absolute nicht annehmen. Man muste
also eine Veränderung vornehmen; und
da sie meistens zu
Versailles ist, alle=
zeit die Antwort von dort abwarten.
Es ist schade, daß diese
Dedication nicht
hat därffen gestochen werden: Allein
die Gräfin will nicht gelobt seÿn; und
in dieser Schrift ist die Frau Gräfin
und mein Bueb, beÿde sehr lebhaft ab=
geschildert. Nun müssen sie aber auch
wissen wer dieser Mann ist, dieser mein
grosser Freund, von dem ich hier alles habe,
dieser
Mr: Grimm. Er ist
Secretaire
vom
Duc d’Orelans; ein gelehrter Mann
und ein grosser Menschenfreund. Alle
meine übrigen Briefe und
Recomenda=
tionen waren nichts; ia wohl der fran=
zösische Bottschafter in Wienn; ia wohl
der Kaÿserl: Gesandte in Paris, und alle
Empfehlungs Schreiben vom
Ministre in
Brüssel, grafen
v Cobenzel: ia wohl
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Prince Conti; Duchesse d’aiguillion pp
und alle andere, deren ich eine ganze
Lytaneÿ hersetzen könnte. Der
einzige
Mr: grimm, an den ich von
einer KaufmannsFrau in
Frankfς.
einen Brief hatte, hat alles gethann. Er
hat die Sache nach Hofe gebracht; er hat
das erste
Concert besorget, und er al=
lein hat mir 80.
Louis d'or bezahlt, folg=
lich 320.
Billets versorget, und noch die
illumination in
wachs bezahlt, da über
60. Stück tafel Kerzen gebrennt haben;
Nun dieser
Grimm hat die Erlaubnis des
Concerts ausgewürcket, und wird nun
auch das zweÿte besorgen, wozu schon über
100
Billets ausgetheilt sind. Sehen
sie was ein Mensch kann der Vernunft
und ein gutes herz hat. Er ist ein Regens=
purger: Allein er ist schon über 15. Jahr
in Paris, und weis alles auf die rechte
Strasse so einzuleithen, daß es, so wie er
will, ausfallen muß. Ich habe ihnen
schon
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schon letztlich geschrieben, daß sie meinem
Brief unter seiner
Addresse nach Paris
schicken sollen; nämlich:
Chez Mr: Grimm Secretaire de S: A:
Monsigneur le Duc d’Orelans.
Rue
neuve de Luxembourg.
à Paris.
Wenn sie mir aber beÿ Empfang
dieses Briefes nicht schon etwa geschrieben
haben; so warten Sie noch einen anderen
Brief von mir ab. Entzwischen den=
ken sie nach, wie ich es zu machen habe,
daß ich das Geld mit Nutzen nach Salz=
burg bringe. Ich werde die
Summa
in 200. Stück
Louis d'or in Specie er=
legen, und mich entzwischen dafür bescheinς
lassen. Ich wollte aber das ich die
Louis
d'ors in
Natura in Salzburg hätte, viel=
leicht könnte ich beÿ iedem Stuck noch
über 11 f: etwas
profittiren. – – Viel=
leicht etwa schon in Augspurg? – – Viel=
leicht könnte ich für iemand hier eine Zah=
lung machen.
Correspondiren sie dess=
wegen nach Augspurg. Herr
Brovino
und
Perrinet haben mir auch in Paris
ihre Dienste angetragen. Das Blat
wird zu klein. Ich empfehle mich ih=
nen und ganz Salzburg und bin der
alte Diener.
gemahlt hat, zu stechς. der Wolfg
mit einem Arm. mit der andςς