↗ XML
[S. 1] increment_line_height_2decrement_line_height_2
                   18.
                                  Paris le 8:me de Decembς:
                                                                1763.

     Monsieur mon trés cher Ami!

     Nachdem wir in Brüssl ein grosses
Concert gegeben, wo der Prinz Carl gegen=
wärtig war, und wir an meinem Hochen
Nahmens Tage um 9. Uhr mit 4. Postpfer=
den unter der traurigen Beurlaubung vie=
ler guten Freunden abgefahren und Abends
beÿ hellem Tage in Mons, den 2. Tage
eben so frühe in bon avis, den 3. in Gour=
naÿ
, und den 4. um halbe 4. Uhr Abends
in Paris angelangt. Ich muß ihnen sagen,
daß man alle Stunde ein Post fertig hat,
weil erstlich die Posten klein sind, und weil es
immer in vollem Caloppe gehet.      Der
Weg von Brüssl bis Paris kostet erstaunlich
geld. Von Brüssl bis Valenciennes sind die
Posten Brabantisch und wird iedes Pferd à 3.
Escalin oder 45 Xr: teutschen Gelds bezah=
let: Hingegen sind alle Posten nicht viel über
[S. 2] increment_line_height_2decrement_line_height_2
2. Stunden lang. So bald man nach Valen=
ciennes
kommt muß man 6. Pferd nehmen;
da hilft nichts dafür: hingegen Zahlt man
für das Pferd 25. Sols, das ist einen Livres
und 5. Sols, etwa 30 Xr: teutschen Gelds.
Dafür bekommt man 2. Postknecht, die
beÿ ieder Post besondere Personen vorstel=
len, weil ieder nach seinem belieben ge=
kleidet ist: bald glaubte ich es wären ein
paar Mausfallträger, bald ein paar
Spitzbuben aus einer NachComoedie,
bald ein paar welsche Eseltreiber, bald aber
ein paar verlauffene peruquiers, oder ent=
lassne und Herren loose laqueÿen oder
gar Cammerdiener, manchmahl aber ein
paar abgedanckte Feldweebls; anbeÿ
aber lauter grosse wohlgewachsene Leute,
die nicht anders fahren, als wenn sie die
Reichs Armée wären, und von einem Chor
Preussen verfolgt würden. Man hat ge=
nug zu sorgen, damit man die Lohner
versorge, damit sie nicht ausspringen,
und die Räder ablaufen: und die ba=
[S. 3] increment_line_height_2decrement_line_height_2
gage
muß beÿ ieder Post Station, wenns
nicht recht vest gebunden ist, neu gebunden
werden, sonst bricht alles zusamm und
wird alles verdorben. Hier setze ich
ihnen auch alle Post Stationen anbeÿ, um
zu sehen, wie erstaunlich viel abwechslungen
bis Paris sind.
     Auf dem Weg ist uns nichts besonders
begegnet, als daß wie in Mons der Audi=
tor
des Teutschmeisterl: Regiments v Lidels=
heim
und seine Frau die so genannte ehe=
malige Freÿsauf=Mariandel besucht ha=
ben. Sie haben eine grosse Tochter und
Sohn die beÿde Stiftmässig oder Haÿrath=
mässig
sind. Die guten Leute leben,
so, wie halt ein auditor von einem Re=
giment leben kann. Es könnte halt bes=
ser seÿn! Sie empfihlt sich ihren Freun=
den in Salzburg durch mich. ie näher
man nach Paris kömmt, je schöner wird
die Gegend; dann man sieht viele Schlös=
ser und Allëen, und meine Frau hatte
kein geringes Vergnügen die Bauern mit
[S. 4] increment_line_height_2decrement_line_height_2
Zöpfen, die Viehhuetter in weisen Man=
teln
und grossen Schlieffern, die Bauren=
Weiber mit palatin-Hauben, einen klei=
nen Schlieffer in der Hand, und einen ste=
cken unter den Arm mit dem sie einen
Esel vor sich her treibet, zu sehen. – – –
Wir kammen also den 18: Novbς: in dem
Hôtel des Comte Van-Eyck an, und tra=
fen zu gutem Glücke den Herrn Grafen
und die Comtesse zu Hauße an, die uns
freundlichst empfiengen, und uns ein Zim=
mer anwiesen, wo wir gelegen und gut
wohnen. Wir haben den Fliegl der
Frau Gräfin in unserm Zimmer, weil
sie solchen nicht nötig hat, der gut ist,
und, wie der unsrige, 2. Manual hat.
Wenn ich ihren Brief in Brussl eher em=
pfangen hätte, so hätte ich 100. Livres er=
sparet
, die ich beÿ meiner Ankunft in
Paris für die Wohnung, so ich mir in
Paris habe kurz vorhero bestellen lassen,
habe bezahlen müssen: denn heuer sind die 
                                       Quartier
[S. 5] increment_line_height_2decrement_line_height_2
Quartier in Paris sehr rahr wegen der Vie=
len Fremden, die den Winter hier seÿn
werden. Weil sonderheitlich 7. Jahre, als
der Krieg gedauert, kein Engelländer hieher
gekommen; so kommt nun alles häuffiger.
Und solche Wohnungen können nicht an=
ders als Monatlich gemiethet werden. Mei=
ne Wohnung, die ich nun aber habe, macht
mich die 100. Livres leicht verschmerzen.
Bald nach unserer Ankunft habe ihr schrei=
ben richtig erhalten. Daß tς: Herr Graf
Spaur Bischof zu Seccau geworden, habe schon
von titς: der Gräfin van-Eyck gehört,
und zwar, daß es titς: Herr Dom Deca=
nus
nicht angenohmen hätte. Ich bedaure
die kränklichen Umstände des Herrn Fac=
tor
Hafners, und der Frau Hafnerin, und
wünsche, nebst meiner Empfehlung eine voll=
kommene Besserung. Deme Herrn Danz=
meister
empfehle mich, und ich lasse ihn
bitten dahin zu sorgen, daß er seiner scho=
ne, und sich einen jungen braven Tänzer
zulege, der ihn überhebet; Er kann nichts
[S. 6] increment_line_height_2decrement_line_height_2
vernünftigeres thun. Sie möchten vielleicht
wissen, wie mir Paris gefällt? – – – – – –
Wenn ich ihnen solches umständlich sagen sol=
te, so würde weder eine Khüehaut noch eine
Rinoceros-haut erklecken. Kauffen sie
sich um 45 Xr: Johann Peter Willebrandt
königl: dänischς: wirckl: Justiz-Raths pp Histo=
rische Berichte und Pracktische Anmerckungen
auf Reisen p. Franckfurt und Leipzig
1761.
Sie werden vieles Vergnügen haben.
Nur das sage ich ihnen, daß Paris ein offe=
ner Ort ist, der keine Thore hat, und der
Eingang sieht einem Dorffe vollkommen
änhlich: Allein es kömmt bald anders.
Die Gebäude sind unglaublich bequemm
gebauet, allein ich muß die Erklärung da=
von auf unsere mündliche Unterredung
ersparen. Das Hôtel, wo wir wohnen,
ist so nach der Bequemlichkeit gebauet, daß
alle, auch die kleinesten Winkl zu etwas dien=
lich sind. Wohlfeil ist hier nichts als der
Wein. Alle 10. Täge kommt mich die kost, ohne
Brod, auf 2. Lovis d'or, ohne Wein
[S. 7] increment_line_height_2decrement_line_height_2
und Brod, dann täglich 2. Boutellien Wein
und 4. Sols brod; die Boutς: Wein à 10.
Sols. Es kommt folglich unser mittag es=
sen 48. Xr: und das Nacht Essen 48. Sols.
Den ganzen Tag mit Wein und Brod alles
zusammen 120. Sols, oder 6. Livres, das ist:
ein Cron- oder Laub-Thaller. Der Louis
d'or
hat 24 Livres; folglich 4. Cronthaler
sind ein Louis d'or, dann ieder Laubthal=
ler gilt 6. Livres. Ein Livres hat 20. Sols.
Ein Sols hat 4. Liars. Wenn sie nun
die Liars für Pfenning gelten lassen; so
gilt ein Sols einen Kreuzer, folglich der
Livres 20. Xr: ein Kron=thaller 2. f: der Lo=
uis d'or
aber 8 f: nun gibt es keine Münze
mehr, als die Six liars Stücke, die nach
meiner Meinung 6. Pfenniger sind,
und die 2. Sols Stücke oder 2. Kreuzer, die douc
Sols Stücke oder 12 Xr: Die Vintquatre sols
oder 24 Stς: Nun wissen sie alle Geld Sor=
ten, dann keine andere giebt es nicht in
Franckreich. Ich weis wohl, daß der Louis
d'or
mehr als 8 f: werth ist p. allein mit die=
[S. 8] increment_line_height_2decrement_line_height_2
ser Rechnung komme ich besser zu recht. Ob
ich den Verluest der 3 f: am louis d'or in die
Ausgaab, oder in die Einnahme Rechne. Ge=
nug, sie sehen hieraus, daß alles Theuer ist.
wenn ich mehrer von allem benachrichtiget bin,
so werde mehr davon erzehlen. Das abscheu=
lichste ist hier das trinckwasser, so aus der
Seine |: so abscheulich aussieht :| gehollt wird.
Es sind einige Wasserträger, die das Pri=
vilegium
haben, und etwas an den König be=
zahlen müssen; folglich mus alles Wasser
bezahlet werden. Wir haben es im Hause,
Es wird auf der gasse ausgeruffen: de l'eau.
Wir sieden uns alles Trinckwasser, und las=
sen es abstehen, dann wird es schöner. Jeder
fremder fast bekommt anfänglich einiges
abweichen vom Wasser, iedes von uns be=
kamm
es auch, aber nicht Starck. Eine
nicht geringe Comoditè ist hier die so genann=
te kleine Post in Paris beÿ der ich den gan=
zen Tage Briefe in allen Gassen von Paris
abschicken und wieder erhalten kann. Es
ist dieses um so nothwendiger, weil man
                                                        an
[S. 9] increment_line_height_2decrement_line_height_2
an maches Ort eine ganze Stund und mehr
zu fahren hat, da man nun für die
erste Stunde 25. Sols, und dann in der
Folge für iede Stunde 20. Sols bezahlen muß,
so könnte man so viel Geld ausgeben, und
doch niemand antreffen, man pflegt es
also vorhero einander mittels der petite
poste
zu benachrichten. Das Fuhrwerke,
von dem ich erst gesprochen habe, sind die
Fiacres, ein elendes fuhrwerck, deren ie=
der seine Numer hat: damit ich weis wer
mich geführt hat. ein anders sind die Ca=
rosse de remise
, die sehr theuer sind. Al=
lein ich muste schon 3. mahl eine solche haben,
um beÿ grossen Prinzen in dem Hof hin=
ein fahren zu därffen, dahin kein Fiacre
gelassen wird und heraus halten müssen.
man muß sie für den ganzen Tag neh=
men, und muß 12. livres oder 2. Cron=
thaller bezahlen, und noch ein Trinckgelt
geben. Ich hätte ihnen längst geschrieben,
allein ich gedachte abzuwarten, bis wir
am Hofe gespielet hatten. Allein nun
[S. 10] increment_line_height_2decrement_line_height_2
hintert die Trauer wegen der Infantin
solches, bis zu Ausgang derselben. Ist also
S:e Exς: Graf Daun am Schlagflusse ge=
storben? – – wieder ein Canonicat ledig.
à propos! sagen sie mir ist nicht Mr: Wo=
ditska
, der Sohn des Herrn Concertmei=
sters in München, nach Salzburg in das
Collegium Rupertinum gekommen; Er ist
ein sehr artiger wohlerzogener Mensch, und
ich rieth ihm, wann er ausser dem Collegio
wohnen wollte, in unserem Haus beÿ der
Madame v Wohlhaupt das Zimmer zu bestel=
len; seine Frau Mutter ist eine Brentano,
und Befreundte des Herrn Calligari; ich habe
ihr dero Nahmen aufgeschrieben, um dieß=
fahls mit ihnen Correspondiren zu können.
Wegen dero Gütte, so sie hatten mit Her=
ren Calligari wegen meiner zu correspon=
di
ren, dancke gehorsamς: Ich habe noch
nichts gesehen noch gehört. Es wäre mir
lieb, wenn solches bald geschehet: Denn man
weis halt nicht, was uns armen Menschen
zustehen kann. Bies iezt sind wir |: Gott Lob :|
[S. 11] increment_line_height_2decrement_line_height_2
alle gesund. Meine Frau, mein Wolf=
gängerl und Nannerl empfehlen sich samt
mir ihnen dero Frau liebsten ihrem
ganzen Hauß und allen unsern Freunden,
und ich bin der alte.

P: S: Die rechte Addresse an mich muß
also seÿn.

   Chez Mr: le Comte de Van Eyck Envoyé
   de Baviere. rue S:te Antoine à l'
   Hôtel de Beauvais
.

Es ist noch anzumercken, daß Sie feines
Pappier nehmen, denn alle Briefe werden
gewogen, und erstaunlich theuer taxiert.
Lassen sie den Herrn Johannes nach und
nach, was neues giebt, mit Gelegenheit,
klein auf einen Bogen hinschreiben; dann
schreiben sie gleichwohl das, was sie mir zu
schreiben haben am Ende daran. Ich
[S. 12] increment_line_height_2decrement_line_height_2
habe keine Tituls nötig; der Brief mag
einer Zeitung ähnlich sehen. Es wird bald
wieder ein Brief von mir zu Salzburg
seÿn. Vor zween Tagen hat uns ein
Teutscher Baquier Mr Hummel tractiert,
der den Herrn Hafner kennet. Da waren
nur Teutsche eingeladen: es waren aber mei=
stens lutherische Schweitzer. Morgen
müssen wir zu der Marquise Villeroy,
und zu der Comtesse de Lillebonne. – – –