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                                                       Manheim den 8 Nofember
                                               12.
                                     1777
         Mein Allerliebster
Wür haben deinς lesten brief von 29 und auch alle andre richtig
erhalten, könnς aber unmöglich alles so akurat beandworthen wie
es sein solle, dan wür müssς die zeit nur stellen, und meistens
beÿ der nacht schreibς, wo mir erst umb ein uhr ins bett komς
den andern tag späth aufstehen, Just zum mittag essς förtig
werden, nach den disch zum herrn director Kanwich, und von
dorth umb 9 uhr nach haus zum essς. iezt seind die galla täg
vor beÿ dem ersten tag war umb 11 uhr das ambt und darunter
die Cononen und Peller losgebrant worden, der wolfgang
hat nach dem ambt zu der Curfürstin gehen müssς, alwo ihme
der indentant nehmlich herr graf Savioli aufgeführt hat, sie hat
sich noch seiner erinert da er for 14 Jahrς hier gewesen, hett
in aber nicht mehr gekenet. hernach war grosse tafel
und auf den abend gross Apartement. den zweÿten tag ist die
grosse deutsche opera, betitelt |: güntter von schwarzburg :|
aufgefürth worden, welche sehr schön ist und eine unvergeleichlig
Music hat, ist auch ein wunder schönes ballet darbeÿ gewesen.
den 3 tag wahr grosse Academie wobeÿ der Wolfgang
ein Consert und auf die lest vor der schluss Sinvonie aus den
Kopf und eine Sonaten gespillet hat. er hat von den Curfurstς
und der Curfürstin, wie auch von allen so ihm gehört, einς
ungemeinς beÿfahl erhaltς. freÿtag den 4 tag war galla
Comedi wir wahrς mit Monsieur und Madame Kanawich auch
darinς. wir haben beÿde den tag wie die academie war beÿ
herrn Kanawich gespeist, und heunt hat mein Sohn allein beÿ ihm
gespeist, weill er gleich nach tisch mit ihn zu den Curfürsten olfnln
Kfndlrn gehet, göstern ist er auch schon dorthς gewesen und der
(seinen Kindern)

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(Kurfürst)
Chrih"rot ist alzeit darbeÿ gegenwärtig es sind 4 und 2 davon
                             der Kurfürst (liebt seine Kinder)
spillen Clavier, dlr Chrihrot eflblt olfnl kfndlr über alles,
und hat es den indentantς befohlen das man den wolfgang
solle hin führς. der wolfgang wird noch einmahl beÿ der
Curfürstin ganz allein spillen, dan sie hat es ihm versprochen
iezt müssen wir erwarthς bis sie es befiehlt. indessen winsche
ich dir zu deinen Kinfftigς Namenstag vill 1000 glick mein lieber
mann alles was dir an Seell und leib nüzlich ist mit bestän=
diger gesundheit zu erlebς, vor allen winschte ich beÿ dir zu sein
um dir persöhnlich zu gradulierς, weill es aber dermahlen
nicht möglich ist, so wollς wür deine gesundheit aus einς guttς
Rein wein |: den wür dir von herzς winschtς das du einς hettest :| drinckς
und stets an dich gedencken, mit der angenehmsten hoffnung
uns wenes gotteswillen ist wider zu sehen, und beÿsamen
zu bleiben. die nanerl lasse ich griessen und fragen ob
die Jungfer bas ihr die seÿden schon geschickt hat, dan sie
hat mir versprochς es gleich zu über machen. der herr Paron
schaffman und herr dehl seind gester vormitag beÿ uns gewesς
und habς uns besuchet, heunt sind sie nacher Wezlar abgereist.
info
Ich habe heüte vormittag beÿ hς: kanabich das Rondeau zur Sonata für seine
Mad:selle tochter geschrieben, folglich haben sie mich nicht mehr weggelassen.
der Churfürst, sie, und der ganze hof, ist mit mir sehr zufrieden. in der
accademie, alle zweÿmal wie ich spiellte so gieng der Churfürst und sie
völlig neben meiner zum Clavier. nach der accademie machte Canabich daß
ich den hof sprechen konte. ich küste den Churfürsten die hand. er sagte, es
ist iezt glaube ich 15 jahr daß er nicht hier war. ja, Eüer Durchleücht, 15 jahr daß
ich nicht die gnade gehabt habe – – Er spiellt unvergleichlich. die Prinzessin
als ich ihr die hand küste sagte zu mir. Monsieur, je vous assure, on ne
peut pas jouer mieux
.

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Gestern war ich an den ort mit Canabich wo die Mama schon geschrieben
hat. da sprach ich den Chürf: wie meinen guten freünd. er ist ein recht
gnädiger und guter herr. er sagte zu mir. ich habe gehört er hat zu
München eine opera geschrieben. ja, Eüer Durchleücht. ich Empfehle mich
Eüer Durchl: zu höchsten gnad, mein gröster wunsch wäre hier eine
opera zu schreiben; ich bitte auf mich nicht ganz zu vergessen. ich kan
Gott lob und danck auch deütsch. und schmuzte. das kan leicht geschehen.
                       (Sohn)       drei    Töchter                     älteste              junge
Er hat einen osun, und drlÿ Ts"cutlr. die m"etlotl und der fhngl
  Graf
Grmi spiellen clavier. der Churfürst fragte mich ganz vertraut, um
                            kinder
alles wegen seine kfndlr. ich redete ganz aufrichtig, doch
            Meister
ohne den alfotlr zu verachten. kanabich war auch meiner Meÿ=
nung. der Churf: als er gieng bedanckte sich sehr höflich beÿ
mir. heüt nach tisch gleich um 2 uhr gienge ich mich Canabich zum
flutraversist wendling. da war alles in der grösten höflichkeit.
                                   einmal  Maitresse  von  dem  Curfürsten
die tochter, welche efnamue Amftrlool vsn dla Cuhrihrotln
   war
wmr spiellt recht hübsch Clavier. hernach habe ich gespiellt.
ich war heünt in so einer vortreflichen laune, daß ich es nicht beschreiben
kan. ich habe nichts als aus dem kopf gespiellt; und dreÿ Duetti mit
violin die ich mein lebetag niemahlen gesehen, und dessen author ich
niemahlen nenen gehört habe. sie waren allerseits so zufrieden, daß
ich – – die frauenzimer küssen muste. beÿ der tochter kam es mir
gar nicht hart an; den sie ist gar kein hund. hernach giengen
                                  natürlichen     Kinder  des   Kurfürsten
wir abermahl zu die nmth"refculn kfndlr dls Cuhrihrstln.
da spiellte ich recht vom ganzem herzen. ich spiellte 3 mahl.
der Churf: ersuchte mich allzeit selbst darum. er sezte sich allzeit
neben mir, und blieb unbeweglich. ich liesse mir auch von einem
gewissen Professor ein thema zu einer fugue geben, und führte
sie aus. Nun folgt die gratulation.

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                           Allerliebster Papa!

Ich kan nicht Poetisch schreiben; ich bin kein dichter. ich kan die redens=
arten nicht so künstlich eintheilen, daß sie schatten und licht geben; ich
bin kein mahler. ich kan sogar durchs deüten und durch Pantomime
meine gesinungen und gedancken nicht ausdrücken; ich bin kein tan=
zer. ich kan es aber durch töne; ich bin ein Musikus. ich werde auch
morgen eine ganze gratulation sowohl für dero Namens= als geburts=
tag beÿ Canabich auf dem Clavier spiellen. für heüte kan ich nichts
als ihnen, Mon trés cher Pére, alles vom ganzen herzen wünschen,
was ich ihnen alle tage, Morgens und abends wünsche. gesundheit,
langes leben, und ein fröhliches gemüth. ich hoffe auch, daß sie iezt
weniger verdruß haben, als da ich noch in Salzburg war; den ich muß
bekenen, daß ich die einzige ursach war. man gieng mit mir schlecht
um; ich verdiente es nicht. sie nahmen natürlicherweis antheil – –
aber zu sehr. sehen sie, das war auch die gröste und wichtigste ur=
sache warum ich so vom Salzurg weg eilte. ich hoffe auch mein wunsch
ist erfüllet. Nun muß ich mit einer Musikalischen gratulation
schliessen. ich wünsche ihnen, daß sie so vielle jahre leben möchten, als
man jahre braucht, um gar nichts neües mehr in der Musick machen
Zu können. Nun leben sie recht wohl; ich bitte sie recht unterthänig mich
noch ein bischen lieb zu haben, und mit diesen schlechten glückswunsch
unterdessen verlieb zu nehmen, bis in meinem engen und kleinen
Verstands=kasten neüe schubladen gemacht werden, wo ich den
verstand hinthun kan, den ich noch zu bekomen im sin habe. ich
küsse dem Papa 1000 mahl die hände, und verbleibe bis in Tod
                                    Mon trés cher Pére
Manheim den 8:ten Nov:bre                                 gehorsamster sohn
1777                                                                wolfgang Amadé Mozart mp


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