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     Mon trés cher Fils!
                               13.
                               Salzburg dς 29 octobς: 1777

Bis anhero habe ich euch mit ieder Post richtig geschriebς, und obwohl in der Mama Briefe unter
dem 23 lese, daß es ihr bange wäre, weil sie noch diese Wochen keinς Brief erhaltς; so hoffe
und aus dem was du wegen dem Langenmantlς: Bueben geschrieben, Bemerke, daß mein Brief, den ich
den 20 von Salzburg weggeschickt habe euch zu Handen gekomς ist. Mit einem Worte: ich habe
3 Briefe an meinς Bruder eingeschlossς: und dieser ist der 4.te
– Nun hoffe ihr werdet
mir von iedem Ort, wo ihr anlangt, schreiben, und wen ihr abreiset, mir, wen es
möglich, Nachricht geben: ist es nicht möglich, so müst ihr auf der Post den Ort
durch ein Billet angezeigt zurücklassς; dan wird kein Brief verlohrς gehen,
sonderheitlich, wen ihr an iedem Ort eueres Aufenthalts fleisig also gleich auf
der Post nachfragt, und eure addresse und Nahmen auf einem Billet hingebt.
Und diese Vorsorge ist höchst nothwendig; ia man muß so gar bedacht seÿn solches selbst
zu thun, dan wir habς hundert Beyspiele von Lehen=bedientς und Hausknechtς, die manchς
angekomenς Brief unterschlagen und eröffnet, in Hofnung einς Credit, odς wechsel darin
zu findς: und wie viele Briefe, die zur Post hätten getragς werdς sollς, sind zurück
behaltς worden, um die 6 Xr, womit der Brief hätte sollς bezahlt werdς, in Sack schiebς
und stehlen zu könς. dieses letztere ist eine ganz gemeine Sache.
Gott seÿ dank gesagt, daß das Concert in Augspς: so gut abgelauffς: ich wünsche sehr, ja, ich
darf sagς, ganz Salzbς: wünschet etwas schönes hiervon morgς in den Zeitungς zu lesen, du
weist schon warum.
Es war die ganze Statt schon voll vergnügen, da sie die schöne Ankün=
digung lasen: und die Donerstags und Freytagszeitungς nach dem Concert=tage, die hier
am Sontage ankahmς, war ieder begierig zu lesen, und glaubte es müste schon wiedς etwas
darin seÿn, welches doch nicht möglich war. Nur fand man im Mittwochblat unten an=
gezeigt, daß der Anfang um 6 uhr seÿn wird. – – daß der hς: Dechant beÿm hl: Kreutz
ein lustiger Man ist, darfst du mir nicht sagς. Er hätte dir sollς seine kleinen Gallanterie=
Stückchen, die er, vor etwa 18 odς 19 Jahrn, beÿ hς: Lotter hat fürs Clavier trucken
lassen, vorlegen; da hättest du zugleich den Author ausstudirς nς, den er war
so ein schlauer Vocativus, daß er Authore Reschnezgi darauf druckς ließ.
ich fand sie beÿm Lotter im Markt, kaufte sie, und trug solche zum seel: hς: Eberlin.
da sie nun alle auf nichts wenigers als auf ihrς hς: Vetter Zeschinger dachtς, so war
es eine der angenehmstς Scenen für mich zu sehen und zu hörς, wie die ohnehin alles
Kritisierende Fr: Meissnerin, als die eingebildete grosse Clavieristin, hin und
her probierte, nichts traf, obwohls wahre Kinderstückl warn, und doch alles belachte,
die damalige Jungfς: franzl, und hς: Meissner ihr Gespött trieben, hς: Eberlin
selbst nur höhnisch schmutzte, und ich hingegς das dinge imer hoch anpriese,

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und ohne Ende lobte. da hättest du aber die spanlangς gesichter sehς sollς, als ich
ihnς, nachdem ihr Gespött aufs höchste gekomς, den Nahmen des Authors entziffert
hatte. da war anfangs altum Silentium! dan sagte der seel: hς: Eberlin, er
ist ein Narr so etwas drucken zu lassς.
dieser spaß hatte gerathen! – --
Was des hς: Stein Töchterl betrifft, bin ich frohe, daß hς: Stein zu sich selbst komt, und über=
haupts alle die für die grimassen Schneidereÿ eingenohmς sind. Das ich auf des hς: Stein
Töchterl wegς dem erstς Clavier gerathς, war, weil du eine Meldung von ihr
machtest, ohne etwas ausführliches zu schreibς, ich glaubte also, sie spielte etwa sehr gut.
Gieb dir Mühe durch Gelegenheit, doch ohne das es bemerkt wird, zu erfahrς, wer des
   Herr Becke Vater war: er    ist   in Wallerstein oder in derselben Gegend geboren
ulrrln blckl vmttlr wmr: lr fot fn wmeerotlfn, sdlr fn dreolebln glglnd gl=
                                                Vater war    Schulmeister, oder           Organist
bsrln, ich hab gehört sein vmttlr wmr ocuhealfotlr, sdlr srgmnft,
                                             wie sich          becke gegen    dich    aufführt
ferner berichte mir genauest, wfl ofcu blckl glgln dfcu mfiiüurlt.
den 30 octbς. diesen Augenblick um halbe 12 uhr mittags erhalte 4 Briefe.
einς vom Jungfς: Bäsle, einς vom hς: Stein, einς vom hς: von Ham, und dan dς 4 vom
Misliwetcek. das Bäsle ist betrübt über deine Abreise, dan um die Mama wird
eben die betrübniß nicht so erstaunlich seÿn: und wider das Pfaffenschnitzl
protestiert sie Solemniter. hς: Steins Brief ist voll dς erstaunlichstς Lobsprüchς, er
behauptet, daß ich dich selbst niemals so spielς gehört, als du beÿ dς Accademie
gespielt; giebt mir auch Nachricht, daß ich das mehrere in den Zeitungς findς werde;
daß ihr am Sontag abgereist und zwischς dir und dem Jgfς: Bäsle ein sehr trauriger und
betrübter Abschied war. hς: von Ham schreibt mir aus Münchς, daß er mir seine Tochter
auf das frühejahr schicken möchte. hς: Misliwet: schickt mir für die Nanerl 6 Clavierstückl
und der Brief ist in Forma ostensiva eine höfliche und recht bündige Erinerung wegen
der dem Erzς: geschicken vorigen und itzigς musikaliς. diesen Brief trage und übergieb
ihn der Gräfin. Ich hatte diese Art dem Misliwς: angerathς. Nimt ihn die Gräfin
nicht an, so trage ich ihn zum Obersthofmeister: und sie weis es wenigst. NB noch
habe mit ihr kein Wort gesprochς, so lange sie hier ist. Ich wünsche daß er viel bekomt:
der brief ist deutlich genug eingerichtet; er setzet hinein, daß ihm die Copiatur und der Einband
dieser und der vorigen Musikaliς beÿ 10 duccattς gekostet p:
Nun eben erhalte die zeitungen, in welchen ein unvergleichlicher Artikl wegς deinem Concert ein=
gerückt ist. mehr konnte man in der that nicht sagς! ich würde es abgeschriebς und dir geschickt habς,
wen ich Zeit hätte, und dan auch nicht hofnung hätte, daß du es ohnehin zu lesς Gelegenheit haben
wirst. Es ist in den Maschenbaurischς zeitungς N: 213. – Ich bemerke aus deinem Schreiben,
daß ihr von Wallerstein schnurgerade nach Manheim gehς werdet; hς: Stein schreibt auch dergleichς.
Ich muß also vermuthen, daß der Fürst Taxis schon nach Regenspurg ist, an dessen Musik=
Director du doch einς Brief hattest, weil du von Dischingen gar keine Meldung mehr

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machest. gut! ihr habt nun durch den langς Aufenthalt in Münchς und Augsburg über
100 f verzehrt. wäre der Aufenthalt in Münchς kürzer gewesς, so würdet ihr nun über=
schuß und profit
habς. – – doch das lässt sich noch verschmerzen, weil in Münchς doch
etwas in Bewegung gebracht wordς: obwohl das meiste nur theils Maulmachereÿ, theils
aber guter Wille ohne hinlängliche Kräfftς ist. und Augspς: hat euch doch den Schadς wieder
einigermassen ersetzet. Nun müst ihr wohl auf euerer Hute seÿn: Manheim ist
abermahl ein gefährlicher Platz zum Geld verzehrn, wo alles theuer ist; wo man etwa zu
thun hat bis man die Gnade habς kan sich hörn zu lassς; wo man alsdan lange aufs Present
wartς kan, und am Ende höchstens 10 Carolin, das ist 100 f bekomt, die man bereits
verzehrt hat. der Hof ist mit Leutς übersetzt, die die fremdς, wie es aller Ortς geschieht
mit neidischen Augen ansehen, und wo dem geschicktestς Menschς auch die gröstς
Prügl unter die Füsse geworffς werdς. Hier ist Hauswirtschaft nötig: und könnte
euch hς: Daner odς ein anderer freund aus dem Wirtshause in eine privatwohnung
bringen, so würdet ihr das halbe Geld erspahrς. du must es bedächtlich anstellς,
ob du dem Churfς: deine dienste antragς, das ist: ordentlich dienste suchς solltest;
und ich glaubte imer Nein! dan man erhält nur schlechte besoldungs propo=
sitionen
. Wen man es aber dahin bringen kan, daß der Churfς: deine Wissen=
schaft untersuchet, und niemand von der Musik fürchtet, daß du dienst suchest,
und etwa einem odς dem andςn über den Kopf hinaus wachsen möchtest, dan


könnte unter der Hand eher etwas durchgetriebς werdς, und solches müstest du
mit dem Churfς: allein sprechς könnς, und klar sagς, daß du gerade an ihn gehest,
weil dir nicht unbekant, daß durch andςe Weege dem regierendς Herrς die Sachς oft in
einem verhaßtς Liecht vorgestellt, und sondςheitl: junge Talente auf das äuserste ver=
folgt werdς
 p: Nun muß ich schlüssς. Gott erhalte euch gesund, wir Kissen euch beÿde von
Herzen. Kisse du die Mama an statt unser. sorget für euere Gesundheit! Wir be=
findς uns wohl. Lasst uns nicht ohne briefe. die Mama könnte doch wohl auch, wen du nicht
kanst, von eurer Ankunft an einem Ort, und dergleichς auf der Reise sich ergebende sachς schreibς,
da du umzulauffς hast. hς: Deibl, Mizerl, Hagenauerς: – ganz Salzbς: hat dir gratuliert,
und alles empfς: sich euch beÿdς, ich u die Nanerl sind lebendig u todt die altς getreuς
verlassenς – Weisen, Strohwittwer und alles was traurig ist – Mozart mp

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hς: B: Schafman und der gewisse Repetitor Dehl, der beÿ der Fr. v Moser zu Anif
war, oft in der HauptComœdie agiert hat, mit dem graf Sigerl Lodron repetiert hat,
habς vom Erzbς: 1000 f. bekomς, um auf Wetzlar zu reisen. Sie gedachtς noch zur opera
nach Manheim zu komς; sie sind aber noch nicht fort, werdς dieser täge abreisς,
du wirst sie vielleicht ungefehr wo antreffς. addio.

À Monsieur
Monsieur Le chevalier Wolfgang Amadé
Mozart Maître de Musique
a

N: 12. 13.

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