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                           Mon très cher Fils!                                                         Salzbς dς 18 octobς: 1777

Gestern erhielt euer Schreibς vom 14 datiert aus Augspς: welches den 15 wird abgeschickt wordς seÿn.
zu erst muß ich den Process wegen dem 11 octbς: ausmachς. und ich werde doch imer recht habς, daß ihr euch
geirret: denn es stehet in klarς Worten von meiner lieben Ehewirthin unterschriebς: Münchς den 11 abends um
8 uhr.
dan fängt meines Erbprinzς Handschrift mit den Wortς an. Münchς den 11 octobς: nachts um 34
auf 12 uhr schreibe folgendes da waret ihr ja schon in Augspς: wer hat nun recht? – – das der brief
am Samstage erst um Mittag von Münchς abgegangς, wie ihr, das habe mir wohl vorgestellt. Die Trompeter
blasen, halte die ohrn zu!
Wir erhieltς auch gestern abends die Schustς: Duettς, dan des hς: v Kleymeyrs
Bagage kam erst mit dem letztς Postwagς. wir stecktς gleich Liechter auf, und zu meinem grossς Vergnügς
spielte sie die Nanerl, ja zu meiner grossς Verwunderung, ohne Anzustehς, auch, was für sie im
Adagio vorkam, und überhaupts mit gusto und Expression. hς: Bullinger, der beÿm Abbé Henrÿ war,
kam eben da wir sie eröffnetς, und wir warς alle frohe, daß du in dem beygelegtς schreibς angezeigt, daß
hς: von Klaymeyr solche mit bringt, sonst hätten wirs dem Bedientς, der sie gebracht, unmoglich glaubς
könnς. ò wie lachte hς: Bullinger! – – das du auf den altum Tempus ecclesiasticς getanzt freuet mich,
bedauere, daß du, wegς abgang guter tänzerinς, nicht mehrer Unterhaltung hattest. Daß Sr: Fς: gς:
von Chiemsee mit hς: gr: Sensheim und Bergheim gesprochς, mag wohl seÿn, es ist imer gut gethan;
non si deve lasciar Strada intentata der Bischof ist gleich nach Werffen um zu fürmς, dan geht
er in sein Bistum in die Visitation, und nach Bischofhofς das neue Gebäude anzusehς; so bald er
zurück komt, werde ihm aufwarten. Die Accademie am Albertischς Nahmenstag wird wunder=
lich ausgefallς seÿn beÿ einem so tacktvestς violinistς als Dubreill ist. Gr: Seeau wird
ihn besser kenς, deswegς hat er beÿ deiner opera Buffa den Josς: Cröner ersucht. daß sie beÿ Ab=
spielung deiner letztς Cassation alle gross darein geschauet, wundςt mich nicht, du weist selbst
nicht wie gut du Violin spielst, wen du nur dir Ehre gebς und mit Figur, Herzhaftigkeit,
und Geist spielς willst, ia, so, als wärest du der erste Violinspieler in Europa. du darfst gar
nicht nachlässig spielen, aus närrischer Einbildung als glaubte man, du hieltest dich für einς grossen Spieler,
da manche nicht einmal wissen, daß du die Violin spielest, und du von deiner Kindheit an als Clavierist
bekannt bist, woher soll also der Stoff zu dieser Einbildung und vermuthung komς? – – zweÿ worte:
Ich bitte vorhinein um Vergebung, ich bin kein Violinspieler: dan mit Geist gespielt! das setzt
dich über alles hinweg. ò wie manchmal wirst du einen Violinspieler, der hochgeschätzt wird, hörς,
mit dem du Mitleidς haben wirst! – – Was du mir von Augspς: und dem Besuche des Stattpfl:
Longotabaro schreibst hat mit meiner vermuthung ganz übereins getroffς. dieser Brief machte mich
und dan auch uns alle |: darunter ist allzeit hς: Bullinger ein Hauptperson :| erstaunlich lachen.
So oft ich an deine Reise nach Augspς: dachte, eben so oft fielς mir Wielands Abderittς ein:
man muß doch, was man im lesen für pures Ideal hält, Gelegenheit bekomς in Natura zu sehς.
hς: Longotabaro war ein ausserordentlicher guter Kopf in seinem Studierς, kam aber niergendshin
als nach Salzbς: und Insprugg seine Studia zu treibς und Juris utriusque Doctor zu werdς:
von da tratt er gleich die untersten Magistrats Stellς an, diente beÿ der Augspς: StattRegierung
durch alle Klassen von untς auf, und wurde endlich Stattpfler, welches die höchste Stuffe ist.
Er hat also nichts in der Welt gesehς. daß mein Bruder im vorhaus hat wartς müssen, wird
nur dir, ihm aber gar nicht seltsam vorkomς seÿn. Alle Bürger in Salzbς:, und wen es der erste
Kaufman ist, müssen beÿm StattSÿndicus im Mantl erscheinς: und da läßt er, was sonderheitl.
die gemeinς Bürger sind, solche manchmahl im vorhause stunden weis wartς; und der Syndicus
ist doch nichts als Syndicus und nicht der Regierende Fürst. der Stattpfleger in Augspς: ist aber
ihr regierender Schellenkönig. das sind diese Leute schon gewohnt, sie haben den erstaunlichstς Respect,
weil sie keinς grössern Herrn könnς, und dieser ihr regierendς Herr weis nicht geschwind, wie er mit
andern Leutς reden muß, da er meistens nur gewohnt ist mit seinen Magistratsdienern, odς
mit seiner Burgerschaft von der Höhe seines schmuzigς Thrones herunter zu sprechς, die niemals

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zu ihm komen, ausgenomς seine Befehle zu vernehmς, oder ihn um eine Gnade zu bittς: und so sind alle
diese so genanntς vornehmς Herrn in dς Reichsstättς. und diese stolze und unbesonnene Plumpheit sind
sie auch im Stande gegς wirklich grosse regierende Herrn auszuübς, welches dem Augspς: Magistratt,
so lang Augspς: stehet, sonderheitlich gegς den Churfς: aus Bayern, schon einige 100 tausend Guldς ge=
kostet hat; da er ihnς, auf iede beleidigende Plumpheit den Lechfluß sperrt: dan habς sie kein
Wasser, und müssen Bezahlen, schmieren, und eingehς was man verlangt, und noch recht schöne
Worte ausgebς. – – die Prelatς in Augspς: warς alle, die ich, als iunger Mensch, kannte, alle
solche Schrollen, und werdς es noch seÿn: à bove majore discit arare minor. arare heist das
feld pflügen, odς mit dem Pflueg anbauς. – – Im Cofféhauß gieng es mir einmahl noch übler,
den es war beÿ der Nacht, wo nicht nur auf allς Tischen Liechter branntς, sondς, da man Billiard
spielte, die Liechter beÿm Billiard mit dem Tobacksrauch vereinigt so einς gestank, und dicken
Nebel machtς, daß ich beÿm Eintritte nur die Bewegung von Menschς, sonst aber nichts unterscheidς
konnte. Montag den 20 Octobς: Nun erhielt ich dein Schreibς vom 17 und war sehr vorwützig auf
die Folge der Augspς: geschichte. Die Betteleÿ des Augspς: Patritiats ist aller Welt bekannt, und ieder
ehrliche Weltman in Augspς: lacht darüber; deswegς sind sie auch im Sold der reichen Kaufmanschaft,
die fürs Geld von der hungerigς Obrigkeit alles erhaltς könnς. Was den jungς Longotabaro an=
belanget, hat er die Liebhabereÿ zum foppen, und der spötteleÿ nicht gestohlς; dan sein cher
Pere, war auch ein Liebhaber: folglich fehlt es an der Erziehung, und das ist auch all das Vor=
recht, dessς sich die Patriziats Buben iederzeit angemasset, und also noch anmassς, über
andere, wens Gelegenheit giebt, zu spassς, in diesem bestehet ihr hoher Adl. wer sich mit
ihnς ein bisschen gemein macht, der giebt ihnς gleich das Herz und verfällt in ihre Spötteleÿ, die
sie sonst nur gegς ihre Leute ausübς. Du hast dich mit diesem Bubς zu gemein gemacht. Ihr wart
mit einandς in der Comœdie! ihr ward Lustig! du warst zu wenig zuückhaltend und zu vert=
raut! kurz! du warst, für einς solchen Poppen zu natürlich, und er glaubte, nun därfte
er mit dir spassen. das mag dir zur Regl dienς, mehr mit erwachsenς Personς freÿ
und natürlich umzugehς,
als mit solchς ungezogenς unzeitigen Buebς, die mit nichts groß thun
nς, als daß ihr Vatter Stattpfl: ist: gegen solche Pursche muß man sich imer zurückhaltς
und ihrem Umgang, folglich ihrer Vertraulichkeit mit allem fleiß ausweichen.
Das ist beÿ allem
dem gewiß; mich würden sie schwerlich in ihre Bettl=accademie gebracht habς. Basta! du hast es dem
hς: Stein zum Gefahlen gethan, und ich glaube du wirst nun auch eine öffentl: accademie
gegebς haben: und dan abgereist seÿn, oder wenigst itzt reisen. Ich habe mit der Vorigen
Post einen grossmächtigen Brief Francò an dich ergehς lassς, darin eine samlung guter Spartς ist,
du wirst es unterdessς erhaltς haben. damit ich es ja nicht vergesse, so folgt hier die Adresse an Bischof
in Chς: À Son Altesse Reverendissime Monseigneur Ferdinand Christofle Prince du St: Empire
           et Evêque de Chiemseé                        à
Wo wirst du aber nun hinschreibς? – – er komt itzt wieder nach Salzbς: zurück: du must imer
nach Salzbς: schreibς, oder abwartς bis ich dir Nachricht gebe, daß er wieder in Münchς ist.
inwendig schreibst:                  Hochwürdigster des Heil: Römς: Reichs Fürst!
                                                          gnädigster Fürst!
im Contextû Euer Fürstlich Gnaden p: – – Hochdieselben p: Hochderoselbς p:
    am Ende Euer Fürstl: Gnadς
                          unterthänigst gehorsamster
                                             Wolf: Amadς:

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daß ich dem Missl: geschriebς hab dir berichtet.         Wen du nach Manheim komst,
muß die Hauptperson, der du dich gänzlich vertrauς kanst, Sgr. Raff seÿn,
der ein Gottförchtiger, erlicher Man ist, die deutschς liebt, und dir vieles rathς
und helfen kan. wen er es nur dahin bringς könnte, daß dich der Churfürst
den Winter durch beÿ sich behielt um zu untersuchς, was du kanst, und dir
Gelegenheit verschaffte, daß du dich zeigen kanst. Sgr. Raff kan dir am bestς
rathen, und mit diesem must du dir eine besondere Unterredung ausbittς. hς: daner
Violinist, ist unser alter freund und bekannter, der wird dich beÿ ihm aufführς.
deine Absicht must du aber niemand, als hς: Raff entdeckς, der dir sagen wird,
ob du beÿm Churfürstς Audienz nehmen sollst, und vielleicht dir solche selbst erleichtern
kan. Anfangs solltest du nur suchen dich hörς zu lassς: alsdan muß man
erst audienz nehmς und das andere in Bewegung setzς.
Ist gar nichts zu machς,
so bekomt doch ein schönes Regal. die Sache bleibt auch mehr verdeckt; dan wen
du dich produciert hast, dan präsentierst du auch dem Churfς: etwas von deiner
Composition. und endlich bittest du den Churfς: selbst, daß er dich mehr unter=
suchen, und dir Gelegenheit gebς möchte dich in allen Artς der Composition zeigen
zu könnς. sonderheitl: auch in Kirchς sachς. du must in die Capelle zu gehς nicht
versäumς, und ihre Art – länge odς Kürze p: bemerkς. den solche Herrn
haltς imer die Methode, an die sie gewohnt sind, für die beste: Consuetudo
est altera natura!
da giebt es, glaube, schon einς bessern Kirchen Componistς als in
München. Es wird noch ein guter alter da seÿn. in Manheim giebst auch
Gelegenheit fürs deutsche Theater zu schreibς. Aber NB nur sich niemand vertrauς,
dan, mancher sagt: ich wünschte daß sie hier bliebς, um deine Absicht dir ab=
zulocken, und dan entgegς zu arbeitς. Basta! Vernunft! und Zurückhaltung!

Gott gebe euch gesundheit, ich befinde mich |: Gottlob :| Cento per Cento besser,
hab gar keine Huste mehr, und hoffe noch eine bessere Zeit für uns arme Narrς
mit Gottes hilfe zu erlebς. Ich bitte dich, halte dich an Gott, dermuß es thun, dan
die Menschen sind alle Böswichter! ie älter du wirst, iemehr du Umgang mit den Menschς
habς wirst, ie mehr wirst du diese traurige Wahrheit erfahrς. denke nur auf alle Ver=
sprechen, Maulmachereÿς und hundert Umstande die mit uns schon vorgegangς, und mache den
Schluss selbst, wie viel auf Menschenhilf zu bauς ist, da am Ende ieder geschwind eine scheinbare
Ausflucht weis, oder erdichtet, um die verhinderung seiner guten Gesinung auf die Schuld eines
dritten hinüber zu wälzen. Ich küsse die liebe Mama und wünsche ihr Gedult, und sie soll sich für
die kälte wohl verwahrς. dich küsse ich und bitte dich, alles was du thust, mänlich zu überlegς, und
dich mit freundschaft und vielem vertrauς nicht so geschwind iedem Maulmacher zu überlassς, Gott
segne euch auf eurer Reise, und da ich euch beyde nochmals Millionmahl Kisse bin ich dς alte
                                                                                                                                          Mozart mp

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info
                        Liebster herr bruder!
mich erfreüet es das die mama und du gott lob und dank gesund sind. mir
ist leid, das ich nicht öfters schreiben kan, aber erstlich habe ich nicht zeit, und
zum zweÿten zu der nemlichen zeit wenn ich müssig wäre schreibt Just
allzeit der papa. ich bedanke mich für die schusterischen duetten. sie sind recht
hübsch und herzig, wer hat sie dir gegeben? müssen wir sie abschreiben, und dir
zuruk schiken? gestern war pelzlschüssen beÿ uns, gilovsky katerl hat beÿ uns
gespeist und gab das beste. Junf: Salerl, und graf Leopold haben sich in
unsern schützen protocoll ausstreichen lassen, und gestern haben aber
wurklich sich zweÿ schützen einschreiben lassen. welche auch selbst geschossen
haben welche sind frl: v: schidenhofen und frl: v: kranach. sie blieben
beÿ uns bis um 9 uhr und wir schmierten. den künftigen Sontag
wird die mama das beste geben. und da du mir gesagt hast ich soll
dir schreiben, wens dich trift, so wäre es mir lieb, wenn du gleich schriebest
deinen gedanken zu einer scheiben. so könte ich sie gleich angeben. und
nach dem in 14 täge anstat deiner das beste Geben. das beste gewann
der papa für den zahlmeister
und für dich schüß er auch und gewann
dir 9 x. ich habe für die mama geschossen und verlohr der mama 5 x.
itzt muß ich schlüssen um zur Hagenauer ürserl gratuliern gehen.
ich küsse der mama die Hände und dich ambrassire ich.
info
Unser beÿder Empfς: an meinς Liebς hς: Bruder Frau Schwägerin und Jungfς: Bäsle.
daß mein jungfς: Bäsle, schön, vernünftig, lieb, geschickt und lustig ist, das freuet mich
unendlich, und ich hab gar nichts dagegς einzuwendς, sondς wünschte vielmehr die Ehre zu
haben, sie zu sehen. Nur scheint es mir, sie habe zu viel bekanntschaft mit Pfaffen.
wen ich mich betriege so will ich ihrs vor lauter freudς Kniefällig abbittς. dan ich
sage nur: es scheint mir; und der Schein betrüegt, absonderlich so weit – – von Augspς:
bis Salzburg, absonderlich itzt, wo die Nebl fallς, daß man nicht auf 30 Schritte durchsehς
kan. – Nun mögt ihr lachen wie ihr wollt! Es ist schon recht, daß sie schlim ist: aber
die geistlichen Herrn sind oft noch weit schlimer.
Ich erwarte die Continuation wegς der Steinischς Instrumentς: und dς Duchesse Arschbömerl &c:

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