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                                            Mailand 2710
Mein innigst Geliebter Freund!

Schon seit Vorgestern, (Donnerstag, 3 Uhr
Nachmittag) befinde ich mich wohlbehalten, in
meiner Heimath; – früher also als ich es berechnet
hatte. Die Reise war jedoch mit großen
Unbequemlichkeiten verbunden, deren eine
Hauptsächliche darinn bestand, daß man uns in
Salzburg einen der elendesten aller
möglichst elenden Beiwägen zugetheilt hatte,
welcher mich oftmals in eine so ergrimmte
Wuth versetzte, daß ich ihn gerne zu einem
Auto da fé verdammt haben würde. –
Da war keine Möglichkeit sich gegen das Ein=
dringen, durch alle Öffnungen und Ritzen un=
seres Rumpelkastens, der heftig wüthenden
Sturmwinde zu schützen; – erstarrt
vor Kälte langten wir am folgenden
Morgen vor TagesAnbruch in Innsbruck
an, allwo gleichfalls der heftige Sturmwind uns
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nachgefolgt war, und wir in ungeheuer große,
einer Reitschule ähnliche, im obersten Stockwerke
gegen die Nordseite gelegene Zimmer ein=
quartirt wurden, in welchen eine so furcht=
bare Kälte herrschte, daß selbst der Sohn der
Frau Wagner – ein blos 28 jähriger junger und
starker Mann – (noch dazu Militairist –) nicht
lange Zeit darinn auszuhalten vermochte.
Dieser Nerven erschütternde Wind ver=
folgte uns bis über den Brenner, allwo wir
sodann von Regengüssen empfangen wurden
die mit gleicher standhafter lästigen Treue uns über
die Alpen begleiteten. – Wir setzten die
Reise ununterbrochen auch durch die 4 Nächte
fort, und in den zwey letzten Tagen ward
uns nicht einmal die Zeit zu einem Mittag
oder Abendmahl gestattet, sondern mußten
uns mit einem erbärmliche Zikorienkaffe
begnügen, weil in Folge der schlechten Wege, und
des Phlegma's der Postilione wir uns gar
sehr auf der Reise verspätet hatten. – Alle
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diese wohl langweiligen, nicht aber exage=
rirten détails
führe ich hier an, nicht etwa um
Deine, und deiner lieben Gemahlin Gefühlvolles
Herz zum Mitleid zu stimmen, sondern
als ächte, wahre Prahlerey mit meinen
Jugendlichen Kräften; denn Trotz allen
den besagten Ungemächlichkeiten befinde ich mich
vollkommen wohl. – Nun bitte ich Dich, mein
Bester, Deiner so Achtung und Liebenswürdigen
Gattin die Versicherungen meiner Achtungs=
vollsten Zugethanheit vorzutragen, so wie auch
Deinen Kleinen – (mit einigen Bevorziehung
des lieben Mozart Sohns) einige Liebkosungen,
ganz Absichtlich an meiner Statt, den gewöhnlich
Deinigen beizufügen; – ferner bitte ich Dich
noch, der Interpret meiner innigst Gefühlten
Dankbarkeit bey Allen den Vielen werthen
Personen zu seyn die sich mir freundschaftlich
gesinnt bewiesen, ganz vorzüglich aber bey dem
gütigen Herrn Baldi welcher mich mit Auf=
merksamkeiten aller Art überhäuft hat, die
ihm erwiedern zu können es mein heißer Wunsch
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ist, – und bey dem Geistreichen, so äußerst lie=
benswürdigen und mir wohlwollenden Herrn
Mielichhofer. – Auch dem schätzbaren Herrn
v. Hilleprandt und deßen Familie bitte ich
Dich meine verbindlichsten Empfehlungen vor=
zutragen, mit der innbrünstigen Bitte das so schwächlich
organisirte Mozarteum auch fernerhin mit
deren mächtigem Schutze zu begünstigen.
     Das gar so schlechte Wetter bestimmte
uns die Reise von Trient allsogleich nach Verona,
und nicht nach Riva wie wir beabsichtet hatten,
zu lenken, daher mir nicht das Vergnügen
zu Theil wurde die Bekanntschaft des Bru=
ders des hς Baldi zu machen, und demselben
den mir von Letzterm übergebenen, hier
zur Rückstellung beiliegenden Brief einzu=
händigen. – Nun lebe wohl, mein Theuerer
Freund! – Du ersiehst sicherlich aus
Styl und Gekritzel die große Eile in
welcher ich schreibe – Habe daher Nachsicht,
und verberge diesen Brief vor den Augen
Aller – selbst vor den Augen Derer für
Die Du kein Geheimniß haben darfst –
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Ich habe vergessen Dich aufmerksam zu machen,
daß unter den 21 von mir dem Mozar=
teum
zugeschickten Conzerte, sich Bruchstücke
zwar vo[n frem]der Hand geschriebener
doch von m[ei]nem Vater, eigends für seine
Frau, und während den Unterrichtsstunde
von ihm komponirten Gesangsübungen
befinden; – und wofern sodann Du
etwa vergessen haben solltest, (wie es
leicht möglich seyn könnte, und auch
mir arrivirt ist) den Dir von mir
übergebenen, nach Pest bestimmten
Brief, in die PostBüchse zu werfen,
so hat es an der Verspätung keinen
Nachteil, nur bitte ich Dich im
Fall daß er in Verlust gerathen
wäre, mir es anzuzeigen.
Und nun eine herzliche Umarmung von
                 Deinem Bruder
                                      Carl Mozart
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Sr Wohlgeb.
[H]errn Alois Taux
Kapellmeister bey der

DomKirche und Mozarteum
in
Salzburg.
Salisburgo.

INNSBRUCK
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SALZBURG
30/9