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                                                                                     Wien, dς 23. Dec. 1809.

Unterzeichneter entledigt sich mit vielem Vergnügen des Auftrages der Frau v. Nissen |: ehedem
Wittwe Mozart :|, den Briefinfo welchen Sie ihrem Sohne lezthin schrieben, an seiner Statt zu
beantworten, nachdem dieser junge Künstler gegenwärtig von hier abwesend, und bei einer Herr=
schaft in Gallizien als Klavier= u. Konzertmeister angestellt ist. Ich unterziehe mich auch
diesem kleinen Geschäfte um so schneller, da ich als alter Hausfreund unsers nunmehr wür=
digen Ehepaars Nissen, Sie bei Ihrem hiesigen Aufenthalte vor einigen Jahreninfo persönlich die
Ehre hatte kennen zu lernen, und herzlich würde es mich freuen, wenn ich Ihren Wunsch nur
einigermaßen befriedigte.
     Haÿdns Merkwürdigkeiten und sein leztes Ende stehen gerade im umgekehrten
Verhältnisse; die Geschichte seines lezten Daseÿns beschränkt sich in sehr wenigem, und alles was
ich Ihnen hierüber sagen kann ist folgendes: Das in aller Wiener Herzen ewig denkwürdige
Bombardement ihrer prächtigen Hauptstadt, welches verwichenen 11. Maÿ statt hatte, war jene
Parze welche den Lebensfaden des ehrwürdigen Orpheus abschnitt, und welches auf seinen ohnehin
äußerst schwachen und irritablen Körper den verderblichsten Einfluß äußerte. Die gewaltigen
Schüsse welche sowohl auf die Stadt, als von dieser auf die Vorstädte geschahen, er=
schütterten den Greisen, obschon sein Haus sehr entlegen und schußfreÿ war, so heftig,
daß seinen Leuten um ihn mehrmahlen recht bange wurde; doch besaß er zuweilen
soviel Kraft u. Geist, daß er sogar selbst seine Leute tröstete. Allein heftig
zerrüttet war nun einmahl seine Maschine durch diesen Kriegesschrecken, und
allmählig ging sie ihrem Ende näher; er entschlumerte sanft an jenem Tage
(: 31 May :), welcher dem französischen Kriegsheere den großen Feldherrn, den Marschall
Lannes entriß. – Haÿdn wurde ganz im stillen, ohne allen Prunk auf dem
zu seiner Pfarre gehörigen Kirchhofe neben der verstorbenen berühmten tragischen
Schauspielerin Roosé (gebohrnen Koch) beerdigt, und wird im kurzen, wie mir gestern Hς:
Hummel
, Esterhazÿscher Konzertmeister, sagte, von hier in die Gruft nach
Eisenstadtinfo transportirt werden.
     Zu dem Mozartischen Requiem, welches man für ihn hier in der Kirche
zu den Schotteninfo gab, erhielt ich ebensfalls ein Entree Billet, und fand daselbst
nebst einer Ungeheuern Menge der hiesigen Bewohner auch eine sehr große Anzahl
der ersten französischen Autoritäten; die Kirche war so voll, daß man kaum stehen
konnte. Einige wollten bemerken, noch nie dieses große Kunstwerk so gut als
gerade damals exequirt gehört zu haben, auch ich stime ihnen bei; nur ist
zu wünschen, daß unser beliebte Musikdirektor, Hς. Clement, welcher immer das Ganze
dirigirt, ein u. dasselbe Ensamble beim Orchester, wie er dieses beim Singper=
sonale thut, beobachten möchte. Solche delicaten Musiken verlieren ungemein, wenn
sich nur ein einziges, nicht imer daran gewöhntes, Subject dabei befindet.
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Mad. Campi, und Dlle. Marconi, die bekannten Sängerinnen dieses göttlichen Meister=
stücks, u. Hς. Pfeifer, Bassist verherrlichten diese Andacht durch Schönheit und
Precision ihres Gesangs; auch Hς. Gottdank, Tenorist trug das seinige bei.
     Hier ist nun alles was ich Ihnen über diesen Punkt mit Gewiß=
heit zu sagen vermochte. Unbekannte Komposizionen hinterließ Haydn, außer
gegen 40 Canons, die man auch bei seiner Lebenszeit in seinem Zimer unter
Rahm u. Glas sehen konnte, gar keine. Obgenannter Compositeur Humel,
welcher mir dieses ausdrücklich sagte, hat vor einiger Zeit eine kleine
Lebensbeschreibung Haydnsinfo für den General Andreossy, welcher bekanntlich
während den hiesigen Aufenthalt der Franzosen Gouverneur General war,
geschrieben; sie wurde sogleich ins Französische übersezt, und wird ver=
muthlich in Frankreich ans tagslicht komen.
     Ich schließe mit dem Wunsche Ihnen in andern Gelgenheiten
dienen zu können, und es wird sie sehr gerne ergreifen
                                          Ihr schätzender Freund u Diener
                                            Dr. Lichtenthal
Adresse /
       Peter Lichtenthal, Doktor der
Arzneikunde, in der Nunziatur auf dem Hof
                          Wien

info
Mein lieber Bertuch,
ich sehe aus Ihrem Briefeinfo, daß Sie nicht gewußt haben, daß mein Sohn Wolfgang Amadee der zweyte, der denselben erhalten soll,
schon seit dem 22. Oct. v. J. nicht mehr bey mir ist, sondern ein Engagement in Podkamién über Strzeliska
und Lemberg 
bey dem Grafen v. Baworowski
hat. Allein Ihr Schreiben gieng deswegen doch nicht irre, indem es mich noch hier traf. Beyliegendes
zeigt Ihnen, daß ich mich sogleich in Betref Ihres Wunsches an einen Freund gewandt habe, der mehr wissen konnte als ich,
da auch ich und meiner lieber Mann, der sich Ihnen beßtens empfehlen läßt, zu selbiger Zeit nicht hier waren info. Einen
Umstand hat dieser Freund vergessen, daß nämlich Haydn eine Tafel nach Gewohnheit auf sein Haus hatte
anmachen lassen, mit der Inschrift: H., membre de l’Institutinfo, wodurch sein Haus respectirt wurde. Ich lege Ihnen mit
Vergnügen einen Brief von Mozartinfo bey, und wünsche, daß es Ihnen angenehm sey. hätte ich länger wählen wollen,
so hätte ich Sie müssen warten lassen, da mein Mann solche Papiere, unter den seinigen hat. Und nun leben
Sie wohl, sprechen Sie wieder zu wenn ich Ihnen nur nüzlich und zu Diensten seyn kann, empfehlen Sie mich unbe-
kannter Weise der Freundschaft Ihrer Gattinn und uns beyde, so bald Sie Gelegenheit haben, dem lieben guten L. R.info
Griesinger.                                                                        Ihre Freundinn und Dienerinn
                                                                                     Constanze Nissen gewesene Mozart