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                      Wienn den 6. augς: 1768.

     Niemals hätte ich mir vorgestellet,
daß ich am Festtage des heiligen Lau=
rentii
noch in Wienn seÿn sollte: ich
hatte nicht den mündesten Zweifel, ich wür=
de das Vergnügen haben ihnen zum Nah=
menstage persönlich Glückwünschen zu kön=
nen. Allein, sie selbst sind Zeuge da=
von, wie oft das homo proponit, Deus dis=
ponit
.
beÿ mir eingetroffen hat. Mein
letztes Schreiben hat ihnen umständlich er=
kläret, warum, und mit wasfür Verdruß
ich mich noch hier verweilen muß: und ich
würde dergleichen Begebenheiten müde seÿn,
wenn ich nicht aus der Erfahrung hätte,
daß manche Sache oft eine ganz andere
Wendung bekam, als ich mir niemals hoffen
könnte. Und wie manchmahl hatte mich
die göttliche Vorsehung augenscheinlich mit
Gewalt angetrieben, oder zurückgehalten!
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Genug! wir wünschen aus redlichstem Herzen,
|: welches sie kennen :| beständige Gesundheit
ihnen, und allen dem ihrigem; Der aller=
höchste bewahre sie und ihr ganzes Haus vor
allem Unglücke, und lasse uns heute odς
morgen, nach dem Wille Gottes, einander
in einer glückseeligen Ewigkeit wieder beÿ=
sammen sehen; wäre es auch nur im him=
lischen Portnerstüberl unsern nachkommenden
Christen werden wir wohl wegen der Heilig=
sprechung keine Unkösten machen. Mit
dem grösten Vergnügen habe vernohmen,
daß Titς: Fürstl: Gnaden von Eÿchstatt
schöne Geschencke in Salzburg hinterlassen.
Ein Zeichen, daß er mit vergnügen da
war. Ich wünsche mehr dergleichen Vor=
fälle. Neues von hier kann nichts an=
ders berichten, als daß vor etlichen Ta=
gen fast ganz Eÿsenstatt durch einen
Zufahl in die Asche geleget worden. Es
wird wohl umständlich in den Zeitungen vor=
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kommen. In Pohlen gehet es sehr hitzig zu:
Wenn es nur keine weitere folgen nach
sich ziehet. Man hat Ursach es zu be=
förchten. Man ist aber auch in treff=
licher Verfassung. Leben sie wohl, wir
empfehlen uns alle. Von herrn Peÿsser
habe heute wieder 20 # empfangen, wir
sind, Gott lob, gesund. à propos.
Wissen sie das die inoculation der
Kindsblattern sehr glücklich vor sich gehet? 
Zu Medling, nache an Schönbrunn, hat die
Kaÿserinn dem englischen Inoculateur ein
Haus für die Kinder eingegeben.
Es betrift arme Kinder, deren iedes
beÿm Eintritte, oder vielmehr die Elte=
ren, einen duccaten empfangen. – –
Es sind bereits über 40. inoculiret worden,
und glücklich vorbeÿ. Der Kaÿser und
die Kaÿserin Kommen fast täglich in das
Haus, und sind gänzlich dafür eingenoh=
men. Hingegen sind fast alle Herren Medicj
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hier fast darüber rasend. Was Wunder?
Es war halt eine gewisse Kranckheit, und
eine gewisse Cur die, sie möchte gerathen
oder nicht, meistens viel eintrug.
Gott Lob! unser inoculateur war der
beste.