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Wien 5 März 1800.
Hochstgeehrte
Herren,
ich habe Ihren Brief vom 20 Febr.

erhalten, aber vielleicht nicht allenthalben ganz
recht verstanden, wenigstens ist mir manches darin unerklärbar. Sie schikken mir eine
Ankündigung

,
die Sie unterzeichnet haben, und wollen, daß ich sie eigenhändig unterzeichnen soll.
Wozu können Sie eine solche Contrasignatur nöthig haben oder nur brauchen? Ihre Namen
sind ja so vortheilhaft bekannt, daß alle Bestätigungen Ihrer Erklärungen überflüssig
sind, und mich dünkt, es thäte Ihnen vielmehr Tort

, wenn Sie sie bestätigen ließen, denn es
sähe ja aus, als wenn Sie, ungerecht gegen Sich selbst, an Ihrem eignen Credit im Publicum
zweifelten. Und wie kann ich unterzeichnen, was Sie in
Ihrem Namen ankündigen?
Dieses sage ich in der Voraussezung, daß ich den ganzen Inhalt Ihrer Ankündigung
bestätigen könnte. Aber – wie kann ich
wissen, daß Sie alle darin angemerkten Sachen
haben? Wie kann ich in die Seele eines Todten bezeugen, ob er gewiss größere Werke
nicht zur Herausgabe bestimmt hat? Wie soll ich unterschreiben, daß Sie in etwas
eingewilligt haben, worüber nur ich zu disponiren hatte? Auf alle Fälle –
übrigens kennen Sie meine Gesinnungen, und ich nehme nicht ein Jota von meinem lezteng
Briefe vom 15 Febr. 
zurük – wie könnte ich Ihnen das hoch anrechnen, darin Ihre Rüksicht
auf meinen Vortheil erkennen, daß Sie mir
erlaubten – ich leihe diesen Ausdruk – zu
verkaufen, was Sie für wenig oder nichts werth hielten, was ich Ihnen drey Male anbot;
weil Sie nicht kaufen wollten, was Ihnen zu
theuer schien?

Ferner kann ich den Ausdruk
nicht bekräftigen, daß
Hς. A. den
Rest – nach dem Begrif den Ununterrichtete damit
verknüpfen werden –
mozartscher Manuscripte gekauft hat. Ich kann beurtheilen, und
habe Ihnen auch davon geschrieben, in welchem hohen Grade mein gehabter Vorrath sich
der Vollständigkeit näherte.
Mozarts eigner thematischer Catalog

und übrige
sichere Notizen belehrten mich und
André, der beydes hat, hierüber: nur in dem
Sonatenfache war ich, wie ich Ihnen immer gemeldet habe, am ärmsten.
Aber dieses alles bey Seite gesezt – ich werde nie eine für den herrn
André desobligeante

Erklärung ausstellen: diese Eigenschaft hat die Erklärung, die Sie wünschen: nichts in der Welt
kann mich dazu berechtigen. Aber ich halte mich überzeugt, daß Sie die Idee von selbst gleich
aufgeben. Und hierauf, und
nur hierauf, kann das eine Anwendung finden, was Sie
zu sagen belieben, daß ich ein nachtheiliges Urtheil des Publicums risquire, welches mir
übrigens ganz und gar räthselhaft wäre. Ja, ich risquire es, ich verdiene es, wenn ich
heute an
A. verkaufe, morgen die Waare öffentlich herabseze und ihn dadurch in
seiner Speculation hindere, nicht zu gedenken, daß ich mich noch auf eine andere Art dadurch
compromittire. Sezen Sie Sich in
Andrés fall,
André in den Ihrigen, was würden Sie,
André, von mir halten? Ich wiederhole es, nur ein solches Betragen kann mir in der
Meinung des Publicums nachtheilig seyn; denn seit wann ist ein ehrlicher Handel
der Reputation gefährlich? Sie wissen, wie sehr es mein Wunsch war, diesen mit Ihnen
abzuschließen: Sie wußten es – wenn Sie mir anders, wie ichs wohl verdiene, geglaubt
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haben – daß ich im begrif war, ihn mit einem Andern abzuschliessen – hat nun Jemand
sich in den Augen des Publicums dadurch geschadet, daß der Handel nicht mit Ihnen zu Stande
kam, so bin ichs nicht. Das kann unmöglich ein Mangel an Achtung gegen das
Publicum seyn, daß ich die Werke an
André verkauft habe. Was Sie von ihm als
Nachstecher sagen, gehört nicht hieher. Ich sage es mit bedauern, aber die Wahrheit ists –
hier erscheint nicht der Nachstecher
André, sondern der möglichstrechtmäßige herausgeber
einer fast vollständigen Sammlung von lauter authentischen und
vollkommen correcten Arbeiten, der sich vielleicht auch dadurch empfiehlt, daß er
keine Subscribenten sammelt, der auch bey dieser Ausgabe noch das günstige Vorurtheil
für sich hat, daß er, fur Alles, das honorar bezahlt hat Leider – Sie haben
es selbst nicht anders gewollt.
Hς. A. hat auch auf eine Erklärung von meiner Seite gedrungen, seit lange
schon: ich habe sie noch immer zurükgehalten und suche dieses ferner zu thun – zum
Theil aus Achtung für Sie, meine Herren, zum Theil weil ich nicht bis izt die Noth-
wendigkeit einsehe, die seinige zu bestätigen, und endlich weil ich nicht gerne öffentliche
Erklärungen mache, wiewohl ich bey sehr wichtigen Veranlassungen auch diese
Abneigung zu überwinden weiß, und Ihnen namentlich auch zu jeder Zeit
andere unnachtheilige Details, die ich beurtheilen kann, attestiren werde.
Sie selbst, meine herren, sind gewiß unfähig es zu thun – aber – ich lese
izt Ihre Zeitung

regelmäßig – sollte es je zu meiner Kenntniß kommen, daß ein
Recensent oder wer immer Ihnen dadurch zu dienen glaubte, daß er etwas producirte,
– ich könnte sagen, erdächte – wodurch auch nur der kleinste Schatten auf mein
Betragen geworfen würde – wiewohl ich mir im Reich der Möglichkeiten selbst
nichts von der Art vorstellen kann – so wäre dieses zum Beyspiel ein Fall, wo ich
meine Abneigung so gleich beyseite sezte, und Ihr Freund würde Ihnen sehr schlecht gedient
haben. Es bliebe mir nichts übrig als mich mit der Darstellung der wahrheit zu
rechtfertigen, und was würde das Publicum unter andern dazu sagen, daß Sie das
izt als ein „noch ganz unbekanntes” angekündigte Concert aus C dur

von mir
„unter den in vielen Händen befindlichen Musicalien, die Sie leicht haben könnten, die
Ihnen versprochen wären
p. die Sie mir aber aus Freundschaft lieber abkaufen wollten,”
verlangt haben? daß Sie mir dafür 5. ducaten geben wollten (welche, wie Sie
wissen, ohne meine Schuld aber auf eine durch den Zufall rechtmäßig
gewordene Weise, sehr gegen Ihren Willen, und nachdem Sie Sich einige Monate
dagegen gesträubt hatten, zu 10 ducaten vermehrt wurden) und daß Sie nun für
dieses eine Concert, da es ein ganzes Heft ausmacht, also für 5 oder 10 ducaten
Tausende vielleicht von Thalern gewinnen, wenn ich auch nur ein drittel Ihrer
andern Subscribenten zur basis nehme? Würde das Publicum sich nach diesen und
ähnlichen Vorgängen nicht vielmehr wundern, daß ich statt im November v. J., wie ich
konnte, gleich abzuschließen, zwey Monate Aufschub verlangte, um Ihren zu dreyen
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Malen nach Ihrer abschlägigen Antwort, die dringendsten Antrage zu machen?
Es wird mir lieb seyn, wenn Sie, wie Sie mir schon oft schriftlich, und nun
auch öffentlich erklärt haben, durch meine Transaction mit
A. nichts verlieren,
ja sogar, wie Sie sagen, kaufmännisch betrachtet, gewinnen. Aber durch welche, mich
dünkt immer nicht minder für Sie als für mich nachtheilige,
Fatalität
komt es, daß Sie solche befriedigende und mehr als befriedigende Anträge, wie
Ihre izigen sind, just bis zu der Zeit verschoben haben, da Sie nicht mehr in dem
Falle sind, sie zu erfüllen? Das wäre eine Antwort auf meinen Antrag gewesen!
Ich lese in Ihrem Briefe mit vieler Erkenntlichkeit, daß Sie mir überhaupt ein
Honorar von 4. bis 5. Thalern von jedem Bogen Ihrer künftigen Hefte zu bestimmen
gedachten. Da Sie ferner melden, daß Sie im Durchschnitt 14. Hefte jährlich heraus-
geben wollen, so wird klar, daß ich, das Heft
nur zu 20 Bogen und das honorar
nur zu 4
1⁄2 Thalern gerechnet, im ersten Jahr schon 1260. Thaler und am Ende
des zweyten Jahrs die verlangte Summe gehabt hätte. Vollends da Sie selbst
von den vielen Jahren reden, in denen ich diesen Vortheil gehabt hätte – was in aller Welt
hat Sie denn bewegen konnen, mir die verlangte Summe, bey der Sie nach dieser Ihrer
eignen Berechnung ungeheuer erspart hätten, zu versagen?
Es wäre wieder meinen Character, wenn es auch nicht wieder meine Pflicht
wäre, Ihrer Ausgabe auf irgend eine Art zu präjudiziren, als in so fern es
durch den Verkauf, wieder meinen Wunsch aber durch Ihren alleinigen Willen,
der Natur der Sache nach geschehen seyn mag. Aber ich habe auf das
allerwenigste in dieser Absicht dieselben Pflichten gegen
André als gegen Sie.
Nebenabsichten – so lautet Ihr etwas unverständlicher Ausdruk – werden
überhaupt nie mit der Offenheit meines Urtheils im Streit seyn, wenn es
mit Recht gefordert werden kann: ich würde alsdann mit meinem eignen
Schaden die Wahrheit bezeugen. Was Sie dieses Mal „von Ihrer und
meiner guten Sache” sagen, schließt keineswegs aus, daß nicht
André auch
eine gute Sache haben kann, wie er auch wirklich hat.
Ich bin, wie Sie richtig anmerken, der Mittel (doch
auch nicht gänzlich)
beraubt, Ihnen fernerhin – ich schreibe nur Ihre Worte ab – Pflichten der
Dankbarkeit aufzulegen, und muß bedauern, daß ich selbst die mir izt
gegebene neue Gelegenheit nicht dazu benuzen kann, Ihre gütigen Versprechungen
durch eine angenehme Antwort zu verdienen. Auch bin ich izt um keinen
Tüttel

unpartheyischer und wahrhafter als je: ich war es immer gegen
Sie. Ich habe Ihnen nie etwas geschrieben, was ich nicht für Wahrheit halten konnte.
Geben Sie mir, ich bitte, andre Veranlassungen, Ihnen nüzlich zu seyn;
Sie werden sehen, wie ich sie mit Freuden ergreife. Sehr angenehm ists mir, daß Sie
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mir diese so sicher zusagen, und ich erwarte begierig Ihren Vorschlag
zu einer anderweiten
fortdauernden für mich vortheilhaften Correspondenz,
den Sie mir nach dem Eingange meiner Antwort versprechen. Selbst ohne
Vortheil würde ich Ihnen mit Vergnügen nüzlich gewesen seyn: aber besser
ist freylich besser.
Es thut mir leid, daß meine Antwort im Wesentlichen, so wie sie ist,
hat ausfallen
müssen: noch ein Mal, denken Sie Sich an
Andrés oder
meiner Stelle.
Ich habe Ihnen in der verflossenen Woche schon zwey Male meine
Achtung, und meinen Eifer für Sie bewiesen, zuerst durch eine Menge
Notizen zu der Biographie

, und hernach durch eine weitläuftige
Recension der
sämtlichen Mozartschen Fragmente, welche beyden Sachen
Sie durch
Hς. Traeg erhalten werden.
heute benuze ich einen Theil des Raumes nur noch dazu,
um Ihnen zu sagen, daß
Mozart mehrere
Fugen von
Sebastian
Bach für die Violine übersezt, auch die Uebersezung
einer
von Händel angefangen hat;
und daß, wie ich erst spät bemerkt habe unter seinen größern Werken
in dem Ihnen
den 1. Mai 1799. gesandten Verzeichnisse
Endimione, welches
Haydn zum Verfasser hat,
durch einen Zufall irrig angeführt ist.
Ich habe die Ehre mit gewohnter hochachtung zu seyn,
meiner höchstgeehrten herren
ergebenste dienerinn
constance Mozart
Die Ankündigung folgt hierin wieder zurük.
1800. Wien
Marz Mozart
10
Ø