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Wwe. Moz
Höchstgeehrte
herren Wien 1. Mai 1799.
ich schikke Ihnen hierin
erstlich zwey von meinem
Manne
in seinem 22
sten Jahre geschriebenen Briefe

an seinen nachmali-
gen
Schwiegervater und an seine (nachmalige) erste Geliebte,
meine
Schwester Lange. Ob Sie sie in der musicalischen Zeitung

brauchen können, weiß ich nicht; die englischen Journale enthalten
oft solche einzelnen Briefe berühmter Männer; aber in
einer Biographie, die vollständig ist, sind sie anzubringen,
weil sie characteristisch sind. Der
erste athmet die herzlichste
Theilnahme, deren er so sehr fähig war; der
zweyte nicht
minder, ist aber auch des musicalischen Inhalts wegen interessant.
Er spricht wie Sie sehen darin von seinen Compositionen:
Popoli di
Tessaglia,
Ah lo previddi und
Non sò donde viene. Lassen
Sie mich wissen, ob Sie wirklich an einer großen lebensbeschreibung

arbeiten: dann kann ich selbst urtheilen, was ich Ihnen zu
senden habe. Dazu habe ich recht viele Beyträge.
Zweytens schikke ich Ihnen hierin endlich die Frucht meiner
Arbeit: das erste vollständige Verzeichniß des musica-
lischen Nachlasses

. In
sehr kurzer Zeit kann ich den
Rest auch zu Papier bringen. Die größeren werke ausge-
nommen, davon Sie hierin die Liste finden, können Sie noch meh-
rere Sachen
von jeder Classe erwarten, wie ich bey ober-
flächlicher Nachsicht des restirenden Vorraths schon urtheilen kann.
Und also erst dann können Sie das Ganze übersehen.
Drittens schikke ich hierin fürs erste ein thematisches Verzeichniß
von einigen in der Liste angeführten Claviersachen, worüber
ich Ihre Meinung und Ihren Willen zu wissen erwarte.
So bald ich diesen weiß, erhalten Sie wieder ein thematisches
Verzeichniß, was schon fertig ist,
über einzelne Stükke fürs
Clavier ohne Begleitung, und
kleine Sonaten für 2 Violinen
und Baß, und dann über die noch vorräthigen Claviersachen,
wovon ich noch die Themas abschreiben lasse. Über
größere
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Sonaten für 2. Violinen mit beziffertem Baß, welcher
zugleich von der Orgel gespielt werden soll, und
Sonaten
für 2. Violinen, besondern Orgel und beziffertem Baß
haben Sie schon thematisches Verzeichniß bekommen. Und
auf diese Art können wir, nach Ihrem Wunsche, nach und nach
fachweise übereinkommen. Aber zweyerley Bedingungen
können Sie mir nicht übel nehmen: die eine, daß Sie
gleich Sie über jedes thematische Verzeichniß erklären, so
wie Sie in Ihrem lezten Briefe sogleich die Clavier-
concerte, gleichsam als eine
conditio sine qua non 
, verlangten,
und zweytens, daß Sie alles von mir nehmen, worüber ich
thematische Verzeichnisse schikke; denn Sie können es ja auch
als Originalpartitur brauchen, selbst wenn Sie etwas schon in
Copie haben. Ferner müssen wir noch über die Zeit, in
welcher Sie mir die Originalpartituren zurükliefern, uns
verstehen: ich erwarte darüber Ihren Vorschlag.
Vorgestern habe ich Ihnen mit der diligence
die ersten zwey von den
unterm 18 April

verlangten
Clavierconcerten gesandt,
das
dritte habe ich noch nicht gefunden. In vollem Vertrauen
auf Ihr Wort, daß Sie sie anderswo her haben könnten, bin ich
mit dem von Ihnen gesezten Preise zufrieden. Ueberhaupt
wäre es mir lieb, wenn Sie immer die Preise selbst vorschlagen
wollten, und wenn Sie mir künftig, nach Maaßgabe meiner
thematischen Verzeichnisse, anzeigen wollten, ob und
wo
einiges davon im Stich herausgekommen ist. Die Gründe zu
diesen Vorschlägen sind, daß ich weder zu viel noch zu wenig
Honorär von Ihnen verlangen mögte; und daß ich gerne
der Mühe, nachzusuchen, was alles heraus ist, und der
daraus entspringenden Verantwortlichkeit überhoben wäre.
Sie wissen ja das alles auch viel besser als ich; und wenn
ich auch nur, wie doch möglich, ein einziges Mal irrte und
eine unrichtige Angabe machte, wäre ich untröstlich.
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Nach meinem
briefe vom 27 März waren Sie mir schuldig

126 fl. 23
x
Mein brief vom 27 März

– 36.
Ihr Brief vom 18 April

– 24.
Den 29 April Absendung der Clavierconcerte

1. 4.
Von Ihnen gesezter Preis dieser Concerte
45. –
173. 27.
Da in meiner vorigen Rechnung die lieder
zu 180 fl. berechnet waren, und Sie sie aus
Gründen, die ich nach meinem Gefühle von
Billigkeit dieses Mal anerkenne, nur 108 fl.
werthschäzen, so rechne ich ab
72.
aber diese 101. 27.
bitte ich mir mit nächster Post aus.
Sie sind recht berichtet, daß mein Schreiber

die Musik
nicht versteht; er wird mich aber nie taub für vernünf-
tige Vorstellungen machen. Ueberdem arrangirt er meine
Musik nicht
mehr.

Der Vorfall, über den Sie Sich beschweren,
kann nie mehr Statt haben, weil Sie künftig immer thema-
tische Verzeichnisse erhalten. Von der ganzen großen Liste
N. 1. sind sie schon fertig, die einzigen Singsachen ausgenommen.
Und der Vorfall kann Ihnen und mir immer lieb seyn, weil
Sie dabey meiner billigkeit Gerechtigkeit erzeigen werden.
In dem Verzeichniß der Clavierconcerte, die
Sie unterm 18 April verlangten, waren auch 2. Sonaten,
vielleicht durch einen Verstoß, angeführt, denn die
eine dieser
Sonaten ist ja die lezte in dem von Ihnen herausgegebenen
dritten
Cahier 
. Auch habe ich diese Sonaten, wenigstens izt
noch nicht. Und bey dieser Gelegenheit empfangen Sie
meinen beßten Dank für das Geschenk des 2
tn und 3
tn Cahiers 
,
welches ich erst ganz neulich von
hς. Wapler
empfangen habe.
Sie sagen, daß ihre Sammlung vollständig wird, wenn es
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Ihnen nicht an Unterstützung fehlt. Das wird es hoffentlich
nicht. Mich hat man versichert, daß Sie über 4000. Subscribenten
haben. Die Tänze bekomme ich also wohl bey nächster Gelegenheit
zurük, um davon Gebrauch machen zu können. Uebrigens
sehe ich nicht ein, daß unsre künftigen Verhandlungen
nach meinen
in diesem briefe gemachten Vorschlägen, mehrere Behutsamkeit
Ihrer Seits erfordern oder vielen Schwierigkeiten unterworfen
seyn werden.
Von herausgegebenen liedersammlungen von
Mozart kenne ich keine
andere als Sie. Ich habe nur wenige noch in Original, die Sie ein
anderMal bekommen können. Ich zeigte Ihnen schon in meinem vorigen
briefe einige an, von denen ich vermuthe, daß Sie sie schon haben.
Sie sagen, daß Sie die meisten der Sachen, die in Ihrem neulichen
thematischen Verzeichnisse bemerkt waren, haben oder
bald
erhalten werden. Ist lezteres mit unsrer Abrede ganz überein-
stimmend? Von einem großen Theile dieser Sachen, wissen Sie theils
aus meinem vorigen Briefe, theils aus der hierin liegenden Liste
N. 1., daß
ich sie, und zwar, in Originalpartitur, habe.
Alles, was ich Ihnen nicht anbiete, müssen Sie freilich nehmen,
wo Sie es bekommen können.
Nun glaube ich vollständig Ihren Brief beantwortet zu
haben: Sie sind mir noch einige kleinen Antworten auf meine
vorhergehenden Briefe schuldig.
Ich habe die Ehre mit vieler Hochachtung zu seyn,
höchstgeehrte Herren,
Ihre ergebenste Dienerinn.
Constance Mozart 
Ich danke Ihnen verbindlichst für die gute und aus-
gezeichnete Aufnahme des herrn
Woelfels.

Ich lege noch das
Recepisse von der Post für die lezt abgesandten
Clavierconcerte bey, welches Sie cassiren

können, wenn
das Päkchen bey Ihnen angekommen ist; sollte es lange
zögern, so muß ich mir das
Recepisse wieder ausbitten.