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                              Wienn den 23. Jänner
                                                  1768.

     Das trauerschreiben habe richtig erhal=
ten. So gehet es halt auf diesem Welt=
theater! heute sehen wir lustige Comoediς;
Morgen Tragedien: heute schrekken uns
Laster; morgen werden wir von tugend=
haften Handlungen erbauet: heute empfin=
den wir Vergnügen; Morgen Quaal und
Betrübniss pp      Ich wollte das ver=
langte Buch alsogleich beÿ herrn von Trat=
tern einkauffen; alleine man versicherte
mich, daß zwar P: Manzadors festtäg=
liche Predigen und Lobreden heraus wären,
welche 6 f: Kosten; daß aber keine Pre=
digen auf alle Sonntäge noch bis ietzt
gedrückt wären.
Ich fande also noth=
wendig solches zu berichten, indem die
Tratterische Buchhandlung, als die ansehn=
lichste, es wohl wissen müste, wenn diese
verlangten SontagsPredigen in Druck
wären.
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     Das neueste so ich |: nebst unser aller,
Gott Lob, guter Gesundheit :| ihnen zu be=
richten habe, ist, daß wir Dienstags den
19. Nachmittags von halbe 3. Uhr bis halbe
5. Uhr beÿ Sr Maÿestätt der Kaÿserin
waren. S:e Maÿestätt der Kaÿser kam=
men heraus in das Vorzimmer, wo wir war=
teten, bis die höchsten Herrschaften den Coffée
genommen hatten, und führten uns selbst
hinein. Es war gegenwärtig, nebst dem
Kaÿser und der Kaÿserin Majestätt der
Prinz Albert aus Sachsen, und alle Erz=
herzoginnen; ausser diesen höchsten Herr=
schaften aber keine Seele. Es würde
zu lange seÿn ihnen alles zu schreiben,
was hier gesprochen worden, und was
alles geschechen. Überhaupts muß
ich nur sagen, daß Sie sich unmöglich
vorstellen können, mit was für einer
Vertraulichkeit S:e Maÿestätt die Kaÿ=
serin mit meiner Frau sprach und sich
theils wegen den Blattern meiner Kin=
der, theils wegen den Umständten unse=
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rer grossen Reise p. unterhielt; sie im
Gesicht über die Wangen strich, und beÿ
den Händen drückte; da entzwischen
S:e Majestätt der Kaÿser mit mir mit
dem Wolfgangerς: von der Musick p. und
vielen anderen Sachen sprach und der
Nannerl sehr oft die Röthe ins Gesicht
trieb. Mündlich seiner Zeit das meh=
rere; denn sie kennen mich. Ich lieb
nicht Sachen zu schreiben, die mancher
hinter dem ofen sitzender aufgeblasener
Gogelhopf |: das ist eine schwäbische Benen=
nung :| für Lügen halten würde. Sie
müssen aber dessentwegen, und dieser Leut=
seeligkeit und freundschaftlich ganz ausser=
ordentlichen Beschränckung schlüssen. Ich
wenigst kann mir aus allen, was hier
sehe, und aus allem den dermahligen
Wienerischen Umständen nichts günstiges
vorstellen. Doch sind dieß alles Sachς
die die Zeit lehren muß, und davon
man besser mündlich sprechen kann. Mei=
ne Frau und Kinder empfehlen sich,
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und ich bin der alte.