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   Ollmütz dς 10. Novbς:
                                   1767.

       Te Deum Laudamus!

    Der Wolfgangerl hat die Blattern
         glücklich überstanden!
    Und wo? – – – in Ollmitz!
    Und wo? – – – In der Residenz
       S:r Excellenz Herrn Grafen
       Podstatskÿ.

     Sie werden aus meinen vorgehen=
den Schreiben schon bemercket haben,
daß in Wienn alles verwirrt unter
einander gegangen. Nun muß ich
ihnen einige besondere Sachen erzehlen,
die uns alleine angehen, und daraus
sie sehen werden, wie die göttliche Vor=
sehung alles so zusammen verbindet, daß
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wir, wenn wir uns derselben mit gänz=
lichem Vertrauen überlassen, unser Schick=
saal nicht verfehlen können. Wie
betrübt es am Wienerischen Hofe zu
gegangen eben zu der Zeit, wo es für
uns am besten hätte ausfallen können,
wissen sie ohnedem.
     Uns betraf zu der nämlichen Zeit
ein anderer Zufall, der uns in nicht
geringe Ängsten setzte. Der grössere
Sohn des Goldarbeiters beÿ dem wir wohn=
ten bekam die Blattern gleich beÿ un=
serer Ankunft, und wir erfuhren es
nicht eher, als bis er fast fertig wa=
re, und die 2. kleine Kinder solche
auch bekammen. Ich suchte verge=
bens in der Geschwindigkeit für uns al=
le eine andere Wohnung zu erfra=
gen. Ich war gezwungen meine Frau
und Tochter alda zu lassen, und ich flohe
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mit dem Wolfgangς: zu meinen gu=
ten Freunde, wo wir blieben. der
Bediente blieb beÿ meiner Frau: Wir
waren so weit von einander entfernt
als vom Spittal zu den Cajetanern.
Man sprach in ganz Wienn von nichts
als von den Blattern. Wenn 10. Kin=
der auf den Todten Zetel stunden, so wa=
ren deren 9. die an den Blattern ge=
storben waren. wie es mir zu Muth
ware, lässt sich leicht einbilden; ganze
Nächte giengen schlaflos dahin, und
beÿ tage hatte sie keine Ruhe. Ich
war entschlossen gleich nach dem Todt
der Prinzessin Braut nach Mähren
zu gehen, bis die erste Traurigkeit
in Wienn in etwas vorbeÿ wäre;
Allein man ließ uns nicht weg, indem
S:e Majestätt der Kaÿser so oft von
uns sprach, daß man nie sicher war,
wenn es ihm einfiel uns kommen zu
lassen: so bald aber die Erzherzogin
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Elisabeth sich übel befand, ließ ich mich
von nichts mehr aufhalten, dann ich
konnte den Augenblick kaum erwarten,
meinen Wolfgangς: aus dem mit den
Blattern gänzlich angesteckten Wienn
in eine andere Luft zu führen.
Wir dachten den 23. octobς: in der
Fruhe abzureisen: allein da es der
schöne Gebrauch in Wienn ist, daß man
die Postpferde gemeiniglich um einen hal=
ben Tag später bekommt; so kammen
wir erst Nachmittags weg. am Sams=
tage waren wir in Brünn. Ich mach=
te mit dem Wolfgangς: beÿ S:r Ex=
cellenz
Grafen von Schrattenbach und
Gräfin von Herberstein meine Auf=
wartung. Es wurde von einem
Concert gesprochen, um die Kinder zu
hören; und wircklich alles abgeredt.
Allein ich hatte einen gewissen inner=
lichen Trieb, den ich mir nicht aus dem
Kopfe bringen konnte, und der mir
                                        auf
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auf einmal kam gleich nach Olmütz
fortzureisen, und das Concert in Brünn
beÿ der Zuruckkunft zu machen, so
daß ich den nämlichen Sontag Abends
S:r Excellenz, noch darüber meine Vor=
stellungen machte, welche es auch um
so mehr für gut fanden, weil bis da=
hin die noch auf dem Lande sich be=
findende Noblesse alle in der Statt
seÿn würde. Wir packten demnach
wieder geschwind zusammen und Montags
den 26. fuhren wir nach Ollmitz, wo wir
etwas später anlangten, weil in Wischau
über dem Mittagsessen an unserm Wa=
gen etwas zu machen ware, wo uns der
Schmitt 3. Stunde mit seiner Arbeit auf=
hielt. Wir hatten den Verdruß, daß
wir beÿ dem Schwarzen Adler, wo wir
hinfuhren, ein schlechtes feuchtes Zimmer
beziechen mussten, weil die wenig an=
deren bessern besetzt waren. Wir
waren also gezwungen ein wenig einfeuern
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zu lassen; und siehe ein anderer Ver=
druß der Ofen rauchte, daß wir fast
blind wurden. Um zehen Uhr klagte
der Wolfgangς: seine Augen; allein,
ich bemerckte, daß er einen warmen
Kopf, heisse und sehr rothe wangen, hin=
gegen Hände, wie Eiß, so kalt hatte.
die Puls war auch nicht richtig; wir
gaben ihm also etwas Schwarz Pulver
und legten ihn schlafen. die Nacht
hindurch war er zimmlich unruhig, und
die trockenen Hitzen hielten am Morgen
immer noch an. Man gab uns 2.
bessere Zimmer; wir wickelten den Wolf=
gangς: in Beltze ein und wanderten also
mit ihm in die anderen Zimmer. Die
Hitze nahm zu; wir gaben ihm etwas
Margrafen Pulver und Schwarz Pulver.
Gegen dem Abend fieng er an zu phan=
tasi
ren; und so war die ganze Nacht
und der Morgen den 28. Nach der
Kirche gieng ich zu S:r Excellenz Grafen
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von Podstatskÿ der mich mit grosser
Gnade empfieng; und als ich ihn sagte,
daß mein kleiner kranck geworden, und
ich vorsehe, daß er etwa Blattern be=
kommen möchte, so sagte er mir, daß
er uns zu sich nehmen wollte, indem er
die Blattern gar nicht scheuete. Er
ließ gleich den Hausmeister ruffen,
befahl ihm 2. Zimmer in Ordnung zu
bringen, schickte gleich zu seinem Me=
dico
, daß selber uns im Schwarzen
Adler besuchen sollte.
     Nun kam es nur darauf an, ob
es noch thunlich ware, das Kind weiter
zu bringen. Der Medicus sagte ia!
weil noch kein Ausschlag zugegen wäre,
und man noch nicht einmal gewiß wä=
re, daß es die Blattern würden.
Nachmittag um 4 Uhr wurde der Wolf=
gängς: in Lederne Lainlachen und Beltze
eingepackt, und in den Wagen getragen,
und so fuhr ich mit ihm in die Domdechanteÿ.
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Den 29. sache man einige kleine rothe
Flecken, allein wir zweifeln alle noch an
den Blattern, weil er nicht mehr viel
Kranck ware; und er nahm nichts als
alle 6. Stund ein Pulver. nämlich:
🝋 march: oeph: V. 🝋y diaph: ñ Lot arc:
2pl: a~a gr: VI. Sacc: cit: gr: X. info info und
dan darauf alzeit Thée von Scabiosen.
Den 30. und 31. an seinem Nahmens=
tage
kammen die Blattern völlig her=
aus, und diese Täge und folgende nahm
er folgendes:
🝋 oeph: V. epilep: march: 🝋y diaph: ñ lot
arc:
2plς: a~a: gr: VI. Myrrh: elect: gr: I.
Sacc: cit: gr: 17. info info
Es kammen also nur die Myrrhen da=
zu. und der Scabiosen Thée wurde fort=
genommen. So bald die Blattern her=
aus kammen, war alle alteration
weg, und, Gott Lob! er befand sich im=
mer gut. Er war sehr voll, und, da
er erstaunlich geschwollen, und eine
                                              dicke
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dicke Nase hatte, und sich in Spiegel
besache, so sagte er: nun sehe ich den
Maÿrl gleich,
er verstunde den Herrn
Musicum Maÿr. Seit gestern
fallen die Blattern da und dort ab;
und alle Geschwulst ist schon seit 2. Tagen
weg.
     Sie sehen nun das mein Leib-spruch
wahr ist: in te Domine speravi,
non confundar in aeternum.

Ich lass ihnen auch und ganz Salz=
burg zu betrachten über, wie wun=
derbahrlich wir durch unser Schicksaal
nach Ollmütz gezogen worden; und
wie ausserordentlich es ist, daß seine
Excellenz Graf von Podstatskÿ, aus
aigenem Triebe, uns mit einem
Kinde aufgenommen, welches die Blat=
tern bekommen solte. Ich will nichts
melden mit was für Gütte, gnade und
Überfluß wir in allem bedienet sind; ich
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will nur fragen, wie viele es etwa
noch dergleichen geben möchte, die ei=
ne ganze familie mit einem Kinde,
daß in solchen Umständen ist, und
noch dazu aus aigenem Trieb der
Menschenliebe, in einer Wohnung auf=
nehmen würde? – – Diese Thatt
wird S:r Excellenz den Herrn Gra=
fen von Podstatsky in der Lebens=
geschichte unseres kleinen, die ich seiner
Zeit in den druck geben werde, keine
geringe Ehre machen; denn hier fängt
sich, auf eine gewisse Art, eine neue
Zeitrechnung seines Lebens an.
     Nun bedaure, daß ich später, als
ich dachte, in Salzburg eintreffen muß.
Jedermann wird leicht begreiffen, daß
ich mich so bald nicht beÿ dieser Jahrs=
zeit auf die Reise begeben, und auch
keine weite Reise auf einmahl un=
ternehmen kann. Ich hatte kaum
vernohmen, daß herr Meisner nach
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Frankfort gehen solle; als ich mich gleich
entschloß auf den Consecrations-Tag
S:r Hochfürstlichen Gnaden unsers gnä=
digsten Herrn gewiß in Salzburg zu
seÿn: Allein nun hat es kein
Ansehen dazu, indem wir so geschwind
nicht von hier aufbrechen können, ohne
den Wolfgangς: in Gefahr zu setzen.
Entzwischen bitte 3. heil: Messen zu
Loreto beÿ dem heiligen Kindl, und
3. heilige Messen zu Maria Plain
lesen zu lassen. Herr Thomas, wel=
cher beÿ dem grössten Sturm der Kranck=
heit uns täglich fast besucht, wird ih=
nen alles umständlich erzehlen.
     Dem Herrn Alterdinger lässt
der Wolfgangς: samt uns allen glück=
wünschen. Es ist nicht mehr zu frühe,
daß er zu etwas gekommen ist: al=
lein ich hofe nicht, daß S:r hochfürstl:
Gnaden einen so brauchbahren Mann,
als herr Alterdinger ist, beÿ dem müs=
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sigen brod eines Cammerdiener las=
sen wird. et fruges consummere
nati
!

     Das Schreiben mit dem Einschluß
des Mr: Grimm aus Paris habe rich=
tig empfangen. Sie werden aus dem
Schreiben des Mr: Grim ersehen haben,
was er mir vom Russischen Hofe und
vom Erbprinzen von Braunschweig schrei=
bet; auch wie und mit was für ei=
ner Gesellschaft herr Schobert in die Ewig=
keit gegangen. Die 2. Glückwunsch=
ungs Schreiben für hς: Wolfgangς:
sind auch angelanget. Schreiben
sie nur immer an Herrn Peisser.
Ich bin von ihm schon an andere Per=
sohnen in Brün und Ollmütz addres=
si
ret. Leben Sie wohl. ich, und
wir alle empfehlen uns ganz Salz=
burg, und ich bin der alte.
                                    Hier
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Hier ist ein Antwort an herrn
Joseph die der Wolfgangς: im bethe
geschrieben.
     Eine Sorge liegt mir noch am
Herzen, nämlich, daß mein Mädl
auch möchte die Blattern bekommen,
denn wer weis, ob die etlichen Blat=
tern, die sie hatte, die rechten wa=
ren?
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[vacat]
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11 Jul 1763
Aus Olmüz
10. Nov 1767.

          Etwas An sie Alleine

Die 6 Synfoniς, so hς. Estlinger geschriebς müssς wohl zusamgerollet und
mit der Aufschrift: À Son Altesse S. S.me Le Prinve de Fürstemberg p: à Donaueschingen,
dem Postwagς übergebς werden. Einς Brief an den Fürstς werde von hieraus schreibς.
Das Concert à 2 Clav: vom Wagenseil muß dem hς: Gesner zu den anderς gedrucktς Sonaten
nach Zürch beygelegt werdς. übrigens sehen sie wohl wie krum alles gegangς,
und da wir glaubtς, daß alles übel gegangς, so hat Gott uns mit der grossς Gnade
erfüllet und unsern liebς wolfgς: die Blattern glückl: überstehς lassς. Nun achte
ich gar nichts, so nur dieses gut vorebÿ ist. ich habe vor meiner Abreise aus
Wien wieder 30 duccatς von hς: Peisser empfς: und werde ehe, von Olmitz abgehe,
wohl wiedς so viel beÿ seinem freund, an den er mich angewiesen nehmς müssς.
basta! wer weis, wem der Vatter den schimel schenkt! – – Was sagς sie von der Auf=
führung des Grafς v Podsdatzky gegς uns? – verdiente eine solche that nicht, daß Se: Hochfς:
Gnaden wo nicht selbst, doch wenigst durch seinς hς: Bruder in Brün odς durch den Grafen
v Herberstein, odς aller mindestens durch ein Schreibς vom Hς: Beichtvatter
odς hς: HofCanzler sich auf eine gewisse Art, wo nicht bedankς
doch wenigst sein wohlgefahlς bezeigς sollte.
bringς sie etwas auf die bahn! ich bitte
sie.

DOM=
MUSICK=VEREIN
U.
MOZARTEUM

INTERNATIONALE
STIFTUNG:
„MOZARTEUM”
1881
[S. 16] increment_line_height_2decrement_line_height_2
A Monsieur
Monsieur Lorence
Hagenauer
à
Salzbourg

Ollmitz

DOM=
MUSICK=VEREIN
U.
MOZARTEUM

INTERNATIONALE
STIFTUNG:
„MOZARTEUM”
1881