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                 Der kunstreiche Hund.
                          Ein Gedicht.
O Musen! ich will Euch ein Dankopfer bringen,
Helft mir nur den Groß=Buzigannerl besingen,
Von dem man so Vieles und Schönes erzählt,
So daß seines gleichen ist nicht in der Welt.
Ich hab ihn, den Gott aller Hunde, gesehen
Und kann, ohne Furcht eine Sünde zu begehen,
Euch schwören, daß ich seines gleichen nie fand,
Und dieß sey gesagt allen Hunden zur Schand.
Nun werdet Ihr wohl vor Begierde fast brennen,
Den Phönix der Hunde genauer zu kennen,
Ihr sollt alles wissen; nur laßt mir auch Zeit.
Das Sprichwort sagt: Ja, nach und nach kommt man weit.
Drum bitt' ich recht sehr, meine Herren und Damen,
(Denn glaubt, selbst mein Herz ist schon vollends in Flammen,)
Doch lagert Euch nur unterdessen ins Gras,
Ich nehm eine Prise und putz meine Nas'.
Und fang unsern Helden dann an zu besingen
So rührend, daß es Euch ans Herze wird dringen;
Nur bitt' ich, seyd stille und redet kein Wort,
Sonst bleib ich Euch stecken – und kann nimmer fort.
Nun dann, Buzigannerl, der König der Hunde,
Ist eine Frucht Wiens, doch ich weiß nicht die Stunde,
Noch Monath, noch Tag, als Zemir, die Mamma,
Zur Welt ihn gebracht; von dem gnädigen Papa
Ist uns nichts bewußt, weder Stand noch Name,
Nur daß er vom östreich'schen Adel herstamme.
 
Die Mutter Zemir hat das Tages=Licht erblickt
Dort, wo es Columben zum ersten geglückt,
Ein Land zu entdecken. Sie hatte an Jahren
Das sechzehnte kaum, ganz die Welt umfahren
Als ächte Vestalin, viel frischer als Eis
Und reiner als Schnee; denn ich mach Euch nichts weis,
Wenn ich Euch betheure, daß sie noch nicht wüßte,
Wo einstens das Membrum virile 'nein müßte.
In diesem so unschuld'gen, glücklichen Stand
War es, daß sie eben im leichten Gewand
Am Ufer des Meeres ganz einsam spazierte,
In Grillen vertieft, mit sich selbst discurirte,
Als plötzlich ein Mann von sehr hübscher Gestalt
Und mittlerm Wuchs, nicht zu jung und nicht zu alt,
Ihr gen überstand. – Denkt Euch einmal den Schrecken! --
Sie zitterte – floh – und o Himmel! – blieb stecken
Im Koth – wollt sich helfen, – umsonst – denn sie fiel --
Und wies ganz entblößt ihm die Scheib sammt dem Ziel.
Stellt Euch bei dem Anblick das Zittern und Beben
Des Fremdlings nun vor. – All das ewige Leben
Dort oben |: so dacht er sich in seinem Sinn :|
Gäb ich für solch schönen Prospect gerne hin.
Er naht sich und will nun (sehr billig und weise)
Sie heimlich bedecken, drum sucht er ganz leise
Ihr Hemd zu erhaschen; jedoch seine Hand
Verirrt sich erzitternd in Hemd und Gewand,
daß er statt zu decken, sie ärger entdeckte
Und durch seine Unschicklichkeit sie erweckte.
Denn Leser, du brauchst Mädchenkenntniß nicht viel,
Um leichtlich zu schließen, daß sie, da sie fiel
Und in so sehr kritischer Lage sich wissen,
Sich wenigstens ohnmächtig anstellen müssen.
 
Als sie nun erwachte, sprang sie plötzlich auf
Und lies ganz dem Zorn und der Wuth vollen Lauf,
Sie nahm ihn beym Schopf – warf ihn nieder und ratschte,
Beohrfeigt' und maulschellte ihn, daß es klatschte.
Der arme Ritter litt alles getrost,
Obwohl ihm nicht sonderlich schmeckte die Boßt;
Er dacht sich, sie wird sich doch endlich ermüden,
Es dauert ohnehin ja nichts ewig hienieden;
Und wie er dachte, so fügt' es sich's ietzt,
(Denn nur die Geduld hat ihn dies 'mal geschützt :)
Sie konnt' die Gelassenheit nimmer ertragen;
Mit liebvollem Bratzerl faßt sie ihn beim Kragen
Und küßt die noch brennenden Backen ohn' Maas
So daß er gar leicht all die Watschen vergas,
Womit die Schöne ihn so gnädig beehrte
Und, in der Geduld sich zu üben, ihn lehrte.
Er küßt ganz entzückt ihr dann Hand und Gesicht,
Läßt sie dann auf seinem Schoos sitzen und spricht:
O Schönste der Schönsten! – ich bitte, verzeihe
Mir doch das Verbrechen, denn sieh' ich bereue
Von Herzen die That, ach! die Schuld war nicht mein.
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