↗ XML
[S. 1] increment_line_height_2decrement_line_height_2
   Mon tres cher Pére! – –


Mir ist es sehr unangenehm daß durch die dumheit der storace Mein brief nicht in
ihre hände gekomen ist; – ich schrieb ihnen unter andern darin daß ich hofte
sie würden mein leztes Schreiben erhalten haben – da sie aber von diesem
Schreiben gar keine Meldung machen |: es war der 2:te brief von Prag :| so weis ich
nicht was ich denken soll; es ist leicht möglich daß so ein bedienter vom graf
thun es für gut befunden hat, das Postgeld im Sack zu stecken; – ich wollte
doch lieber dopelt Postgeld zahlen, als meinen briefe in unrechten händen wissen.
– diese fasten kamen Ramm, und 2 Fisher hieher – der Bassist und der Oboist
von London. – wen lezterer zu der zeit als wir ihn in Holland kanten nicht
besser geblasen hat als er izt bläst, so verdient er gewis das Renomèe nicht
welches er hat. – Jedoch unter uns gesagt. – ich war damals in den Jahren wo
ich nicht im stande war ein urtheil zu fällen – ich weis mich nur zu erinnern
daß er mir ausserordentlich gefiel, so wie der ganzn Welt; – man wird es freylich
natürlich finden, wen man annimt daß sich der geschmack ausserordentlich geändert hat.
– er wird nach einer alten schule Spielen. – aber Nein! – er Spielt, mit einem
Wort, wie ein Elender scolar – Der Junge Andrè der beÿm fiala lernte Spielt
tausendmal besser – und dan seine konzerte! – von seiner eigenen Composition
– Jedes Ritornell dauert eine Viertelstunde – dann erscheint der Held – hebt
einen bleÿernen fus nach dem andern auf – und Plumpst dan wechselweise damit zur Erde
– sein Ton ist ganz aus der Nase – und seine tenuta ein tremulant auf der orgel.
hätten sie sich dieses Bild vorgestellt? – und doch ists nichts als wahrheit – aber
wahrheit die ich nur ihnen sage. –
[S. 2] increment_line_height_2decrement_line_height_2
diesen augenblick höre ich eine Nachricht die mich sehr niederschlägt – um so mehr
als ich aus ihrem lezten vermuthen konte daß sie sich gottlob recht wohl be=
finden; – Nun höre aber daß sie wirklich krank seÿen!– wie sehnlich ich einer
tröstenden Nachricht von ihnen selbst entgegen sehe, brauche ich ihnen doch wohl
nicht zu sagen; – und ich hoffe es auch gewis – obwohlen ich es mir zur gewohnheit
gemacht habe mir imer in allen Dingen das schlimste vorzustellen –
da der tod |: genau zu nemen :| der wahre Endzweck unsers lebens ist, so habe
ich mich seit ein Paar Jahren mit diesem wahren, besten freunde des Menschen
so bekant gemacht, daß sein Bild nicht allein nichts schreckendes mehr
für mich hat, sondern recht viel beruhigendes und tröstendes! – und ich
danke meinem gott daß er mir das glück gegönnt hat mir die gelegenheit
|: sie verstehen mich :| zu verschaffen, ihn als den schlüssel zu unserer wahren
glückseeligkeit kenen zu lernen. – ich lege mich nie zu bette ohne zu bedenken
daß ich vielleicht |: so Jung als ich bin :| den andern tag nicht mehr seÿn werde –
und es wird doch kein Mensch von allen die mich kenen sagn könen daß ich
im umgange Mürrisch oder trauerig wäre – und für diese glückseeligkeit danke
ich alle tage meinem Schöpfer, und wünsche sie vom Herzen Jedem meiner Mit=
menschen. – Ich habe ihnen in dem briefe |: so die storace eingepackt hat :| schon
über diesen Punckt |: beÿ gelegenheit des trauerigen todfalls Meines liebsten besten
freundes grafen von Hatzfeld :| meine Denkungsart erklärt – er war eben 31 Jahr
alt; wie ich – ich bedauere ihn nicht – aber wohl herzlich mich und alle die,
welche ihn so genau kanten wie ich. – Ich hoffe und wünsche daß sie sich, wehrend
ich dieses schreibe besser befinden werden; sollten sie aber wieder alles vermuthen
[S. 3] increment_line_height_2decrement_line_height_2
nicht besser seÿn, so bitte ich sie beÿ . . . . . . . mir es nicht zu verhehlen, sondern mir
die reine wahrheit zu schreibe[n] oder schreiben zu lassen, damit ich so geschwind als
es menschen möglich ist in ihren Armen seÿn kann; ich beschwöre sie beÿ allem was
– uns heilig ist. – Doch hoffe ich bald einen trostreichen brief von ihnen zu erhalten,
und in dieser angenemen hoffnung küsse ich ihnen samt meinem Weibe und dem
Carl 1000mal die hände, und bin Ewig

Wien den 4:t April. 1787.
                                                           ihr gehorsamster Sohn
                                                           W. A. Mozart mp

[S. 4] increment_line_height_2decrement_line_height_2
À
Monsieur
Monsieur Leopold de Mozart
Maitre de la Chapelle de S: A: R:
à
Salzbourg: