Kritische Edition des deutschen Libretto-Drucks Wien 1786       Diplomatische Übertragung des deutschen Libretto-Drucks Wien 1786 
Erster Aufzug
 
Erster Aufzug.
Ein nicht ganz eingerichtetes Zimmer mit einem Lehnstuhle in der Mitte.
 
Ein nicht ganz eingerichtetes
Zimmer mit einem Lehnstuhle in der Mitte.
Erster Auftritt
 
Erster Auftritt.
Figaro mit einem Maße in der Hand und Susanna vor dem Spiegel, die sich ein mit Blumen geziertes Hütchen aufsetzt.
 
Figaro mit einem Maße in der Hand, und
Susanna vor dem Spiegel, die sich ein
mit Blumen geziertes Hütchen auf=
setzt.
Figaro
 
Figaro.
 
Fünf… zehen… zwanzig… dreißig… sechsunddreißig… dreiundvierzig.
 
    Fünf… zehen… zwanzig… dreyßig…
sechs und dreyßig… drey und vierzig.
Susanna
 
Sus.
Nun bin ich wohl vergnügt, es scheint in der Tat für mich gemacht zu sein. (fährt fort, sich in den Spiegel zu sehen) Sieh ein wenig, mein lieber Figaro, seheitzt meinen Hut an.
 
Nun bin ich wohl vergnügt, es scheint in
der That für mich gemacht zu seyn. (bey
sich selbst, indem sie sich in den Spiegel
siehet)
Sieh ein wenig mein lieber Figa=
ro, sehe itzt meinen Hut an. (fährt fort,
sich in den Spiegel zu sehen.)
Figaro
 
Fig.
Ja, mein Herz, itzt ist er schöner, er scheinet in der Tat für dich gemacht.
 
Ja mein Herz, itzt ist er schöner, er
scheinet in der That für dich gemacht.
Beide
 
Beyde.
Ach! wie süß ist meinem|deinem zärtlichen Bräutigam der zur Hochzeit herannahende Morgen; dies schöne artige Hütchen, so sich Susanna selbst gemacht.
 
Ach! wie süß ist meinem|deinem zärtlichen
Bräutigam der zur Hochzeit herannahende
Morgen; dies schöne artige Hütchen, so
sich Susanna selbst gemacht.
Susanna
 
Sus.
Was messest, mein lieber Figaro?
 
Was messest mein lieber Figaro?
Figaro
 
Fig.
Ich betrachte, ob dies Bett, welches uns der Graf bestimmt hat, sich in dem Orte gut schicken werde.
 
Ich betrachte, ob dies Bett, welches uns
der Graf bestimmt hat, sich in dem Or=
te gut schicken werde.
Susanna
 
Sus.
Und in dem Zimmer da?
 
Und in dem Zimmer da?
Figaro
 
Fig.
Ja, wirklich; der großmütige Herr überlässt es uns.
 
Ja wirklich; der großmüthige Herr
überläßt es uns.
Susanna
 
Sus.
Meinerseits überlasse ich es dir.
 
Meiner Seits überlasse ich es dir.
Figaro
 
Fig.
Und die Ursache?
 
Und die Ursache?
Susanna
 
Sus.
Die Ursache ist hier.
 
Die Ursache ist hier. (sie deutet an
dieStirne)
Figaro
 
Fig.
Aber kannst denn nicht machen, dass sie herüber spaziere?
 
Aber kannst denn nicht machen, daß sie
herüber spatziere. (thut das nämliche)
Susanna
 
Sus.
Es beliebt mir nicht. Bist du nicht mein Diener?
 
Es beliebt mir nicht. Bist du nicht mein
Diener?
Figaro
 
Fig.
Allein ich verstehe es nicht, warum das bequemlichste Zimmer des Palastes dir so sehr missfalle.
 
Allein ich verstehe es nicht, warum
das bequemlichste Zimmer des Pallastes
dir so sehr misfalle.
Susanna
 
Sus.
Weil ich Susanna bin, und du ein Narr.
 
Weil ich Susanna bin, und du ein
Narr.
Figaro
 
Fig.
Ich danke dir, nicht so viel Lobsprüche: Betrachte ein wenig, ob man anderer Orten besser sein könnte.
 
Ich danke dir: nicht so viel Lobsprüche:
betrachte ein wenig, ob man anderer Or=
ten besser seyn könnte.

     Wenn ungefähr die Frau dich bei der Nacht ruft, din din: Mit zween Schritten bist du bei ihr. Ereignet's sich aber, dass mich der Herr will, don don: Mit drei Sprüngen bin ich ihm zu Diensten.
 
    Wenn ungefähr die Frau dich bey
der Nacht ruft, din din: mit zween
Schritten bist du bey ihr. Ereig=
nets sich aber, daß mich der Herr will,
Don don: mit drey Sprüngen bin ich
ihm zu Diensten.
Susanna
 
Sus.

     So wenn der liebe Graf des Morgens, din din: Und dich drei Meilen von mir entfernet, don don: Indessen aber ihn der Teufel an meine Türe bringt, don don: Mit drei Sprüngen…
 
    So wenn der liebe Graf des Mor=
gens, din din: und dich drey Meile
von mir entfernet, don don; in
dessen aber ihn der Teufel an meine
Thüre bringt, Don don, mit drey
Sprüngen…
Figaro
 
Fig.
Sachte, sachte, Susanna.
 
Sachte, sachte Susanna.
Susanna
 
Sus.
Höre nur.
 
Höre nur.
Figaro
 
Fig.
Geschwinde.
 
Geschwinde.
 
Susanna
 
Sus.
Wenn du das Übrige hören willst, verjage jeden ungerechten Argwohn.
 
Wenn du das übrige hören willst, ver=
jage jeden ungerechten Argwohn.
Figaro
 
Fig.
Ich will alles hören, die Zweifel und Argwohne machen mich erstarren.
 
Ich will alles hören, die Zweifel und
Argwöhne machen mich erstarren.
 
Susanna
 
Sus.
Nun also höre und schweige.
 
Nun also höre, und schweige.
Figaro
 
Fig.
Sage, was gibt's Neues?
 
Sage, was giebts neues? (unruhig)
Susanna
 
Sus.
Der Graf, müde, fremden Schönheiten nachzujagen, will auch in dem Schlosse sein Glück abermal versuchen; allein, wohlgemerkt, er hat zu seiner Frau keine Freude.
 
Der Graf müde, fremden Schönheiten
nachzujagen, will auch in dem Schloße
sein Glück abermal versuchen; allein wohl=
gemerkt, er hat zu seiner Frau keine Freude.
Figaro
 
Fig.
Zu wem denn also?
 
Zu wem denn also?
Susanna
 
Sus.
Zu deiner lieben Susanne.
 
Zu deiner lieben Susanne.
Figaro
 
Fig.
Zu dir?
 
Zu dir? (mit Verwunderung)
Susanna
 
Sus.
Zu mir selbst, und hofft, dass solche Nähe seinem Vorhaben sehr dienlich sei.
 
Zu mir selbst, und hofft, daß solche
Nähe seinem Vorhaben sehr dienlich sey.
Figaro
 
Fig.
Brav: Gehen wir weiter.
 
Brav: gehen wir weiter.
Susanna
 
Sus.
Diese sind die Gnaden, diese ist die Sorge, so er für dich und für deine Susanne hat.
 
Diese sind die Gnaden, diese ist die Sor=
ge, so er für dich, und für deine Su=
sanne hat.
Figaro
 
Fig.
Sieh ein wenig, welch eigennützige Liebe!
 
Sieh ein wenig, welch eigennützige Liebe!
Susanna
 
Sus.
Geduld, nun kömmt das Beste. Don Basilio, mein Singmeister und sein Kuppler, hält mir täglich bei der Lehrstunde dies Lied vor.
 
Geduld, nun kömmt das beste. Don
Basilio, mein Singmeister und sein Kupp=
ler hält mir täglich bey der Lehrstunde dies
Lied vor.
Figaro
 
Fig.
Wer? Basilius? Der Schelm!
 
Wer? Basilius? der Schelm!
Susanna
 
Sus.
Und glaubtest du vielleicht, dass er mir in Ansehung deiner dies Heuratgut bestellt habe?
 
Und glaubtest du vielleicht, daß er mir in An=
sehung deiner dies Heurathgut bestellt habe?
Figaro
 
Fig.
So schmeichelte ich mir.
 
So schmeichelte ich mir.
Susanna
 
Sus.
Er bestimmet's, um gewisse halbe Stunden von mir zu erhalten – welche ihm das lehngütliche Recht – –
 
Er bestimmets um gewisse halbe Stunden
von mir zu erhalten – welche ihm das
lehngütliche Recht – –
Figaro
 
Fig.
Wie! Hat es der Graf in seinen Lehngütern nicht abgeschafft?
 
Wie! hat es der Graf in seinen Lehngüt=
tern nicht abgeschaft?
Susanna
 
Sus.
Was demnach, itztreuet es ihn, und mir dünkt, er wolle es bei mir wieder ausüben.
 
Was demnach, itzt reuet es ihn, und
mir dünkt, er wolle es bey mir wieder
ausüben.
Figaro
 
Fig.
Bravo! wie gefällt mir der liebe Herr Graf! Wir wollen uns über ihn lustig machen, er kömmt gut an – (Man hört läuten die Gräfin.) Wer läutet?
 
Bravo! wie gefällt mir der liebe Herr
Graf! wir wollen uns über ihn lustig ma=
chen; er kömmt gut an – Wer läutet? (man
hört läuten die Gräfinn.)
Susanna
 
Sus.
Lebe wohl, mein schöner Fi – Fi – Figaro.
 
Lebe wohl, mein schöner Fi – Fi – Figaro.
Figaro
 
Fig.
Mut, mein Herz.
 
Muth mein Herz.
Susanna
 
Sus.
Und du: Vernunft.
 
Und du Vernunft.
 
Zweiter Auftritt
 
Zweyter Auftritt.
Figaro allein.
 
Figaro allein.
 
(Geht ganz erhitzt auf und ab, sich die Hände reibend.)
Figaro
 
 
Bravo, mein Herr Graf! nun fange ich das Geheimnis zu entdecken an; itzt habe ich Ihren ganzen Plan vor Augen. Zwar zu London – – Sie als Botschafter, ich als Kurier und Susanna – heimliche Abgesandtin: Nein, es wird nichts daraus, ich Figaro sage es.
 
Bravo mein Herr Graf! nun fange ich
das Geheimniß zu entdecken an; itzt habe
ich ihren ganzen Plan vor Augen. Zwar
zu London – – Sie als Bothschafter,
ich als Kourier, und Susanna – heimli=
che Abgesandtin: Nein es wird nichts dar=
aus, ich Figaro sage es.

     Will mein Herr Graf tanzen, so will ich ihm auf der Zither spielen. Will er in meine Schule eintreten, so will ich ihn Kapriolen machen lehren. Ich will – doch ganz hübsch will ich jedes andere Geheimnis durch Verstellung erfahren. Ich will künstlich zu Werke gehen, doch mich mit der Kunst selbst beschirmen; hier ein Stichelwort, dort einen Scherz gebrauchen, und so alle seine Anschläge zu Grunde richten.
 
    Will mein Herr Graf tanzen, so will
ich ihm auf der Zither spielen. Will
er in meine Schule eintreten, so
will ich ihn Kapriolen machen lehren.
Ich will – doch ganz hübsch will ich
jedes andere Geheimniß durch Ver=
stellung erfahren. Ich will künstlich
zu Werke gehen. Doch mich mit der
Kunst selbst beschirmen; Hier ein Sti=
chelwort dort einen Scherz gebrauchen,
und so alle seine Anschläge zu Grun=
de richten.
    Will mein Herr Graf tanzen, so – –

     Will mein Herr Graf tanzen, so – –
 
(gehet ab)
 
(gehet ab.)
Dritter Auftritt
 
Dritter Auftritt.
Bartholo und Marzellina (mit einem Vertrage in der Hand.)
 
Bartolo und Marzellina (mit einem Ver=
trage in der Hand.)
Bartholo
 
Bart.
Und Sie haben bis auf den Hochzeittag gewartet, um mich davon zu sprechen?
 
Und Sie haben bis auf den Hochzeittag
gewartet, um mich davon zu sprechen?
Marzellina
 
Marz
Ich verliere, mein lieber Doktor, den Mut nicht: Um einen noch mehr als diesen festgesetzten Heuratsschluss zu brechen, war oft ein Vorwand hinlänglich; und er hat nebst dem Vertrage mit mir gewisse Verbindlichkeiten – Genug, ich weiß es – Man muss die Susanna abschröcken und mit Kunst sie dahin verleiten, dass sie dem Grafen abschlägige Antwort gebe; er, um sich zu rächen, wird sich an meine Partei schlagen, und auf die Weise soll Figaro mein Gatte werden.
 
Ich verliere mein lieber Doktor den
Muth nicht, um einen noch mehr als die=
ser festgesetzten Heurathsschluß zu brechen,
war oft ein Vorwand hinlänglich; und er
hat nebst dem Vertrage mit mir gewisse
Verbindlichkeiten – genug, ich weis es
– man muß die Susanna abschröcken,
und mit Kunst sie dahin verleiten, daß sie
dem Grafen abschlägige Antwort gebe; er
um sich zu rächen, wird sich an meine Par=
they schlagen, und auf die Weise soll Fi=
garo mein Gatte werden.
Bartholo
 
Bart.
Gut, ich werde alles tun, entdecken Sie mir alles ohne Zurückhaltung. (Wie gerne wollte ich dem meine alte Magd zur Ehe geben, der Ursache gewesen ist, dass mir einst meine Freundin entwendet wurde.)
 
(nimmt den Vertrag aus den Hän=
den der Marzellina)
Gut, ich werde al=
les thun, entdecken sie mir alles ohne Zu=
rückhaltung. (Wie gerne wollte ich dem
meine alte Magd zur Ehe geben, der Ur=
sache gewesen ist, daß mir einst meine Freun=
dinn entwendet wurde.)

     Die Rache, o die Rache ist ein Vergnügen den Weisen vorbehalten. Die Beleidigungen und Unbilden vergessen, ist immer niederträchtig.
 
    Die Rache, o die Rache ist ein Ver=
gnügen den Weisen vorbehalten.
 
    Die Beleidigungen, und Unbilden ver=
gessen, ist immer niederträchtig.

     Mit Arglist, mit Klugheit… mit Urteilskraft… könnte man… Die Sache ist zwar ernsthaft, aber, ich versichere Sie, wird sich tun lassen.
 
    Mit Arglist, mit Klugheit… mit
Urtheilskraft… könnte man… die
Sache ist zwar ernsthaft, aber ich ver=
sichere Sie, wird sich thun lassen.

     Sollt ich den ganzen Kodex umblättern und dessen ganzen Inhalt durchlesen, ein zwei- oder gleichdeutendes Wort kann leicht ein Gezänke veranlassen.
 
    Sollt ich den ganzen Codex umblättern,
und dessen ganzen Inhalt durchlesen,
ein zwey= oder gleichdeutendes Wort
kann leicht ein Gezänke veranlassen.
Ganz Sevillien kennt, wer Bartolo
ist, Figaro soll ihr Gemahl werden.

     Ganz Sevilien kennt, wer Bartholo ist; Figaro soll Ihr Gemahl werden.
 
(geht ab)
 
(geht ab.)
Vierter Auftritt
 
Vierter Auftritt.
Marzellina, alsdennSusanna.
 
Marzellina, alsdenn Susanna.
Marzellina
 
Marz.
Ich habe noch nicht alles verloren, es bleibt mir noch die Hoffnung übrig. Aber Susanna tritt herbei: Ich will mich prüfen, werde mich stellen, als sähe ich sie nicht… Und der gute Tropf wollte sie heuraten!
 
Ich habe noch nicht alles verlohren,
es bleibt mir noch die Hoffnung übrig;
Aber Susanna tritt herbey: ich will mich
prüfen,
 
 
werde mich stellen, als sähe ich
sie nicht, und der gute Tropf wollte sie
heurathen!
Susanna
 
Sus.
Sie redet von mir.
 
(bleibt zurück.) Sie redet von mir.
Marzellina
 
Marz.
Allein von Figaro lässt sich nichts Bessers hoffen: Argent fait tout.
 
Allein von Figaro läßt sich nichts bes=
sers hoffen, argent fait tout.
Susanna
 
Sus.
 
(Was für eine Mundart! Freilich, jeder weiß, wie viel es vermag.)
 
(Was für eine Mundart! freylich, jeder
weis, wie viel es vermag.)
Marzellina
 
Marz.
Das ist nicht übel! Das zeigt Verstand! Mit jenen scheuigen Augen, mit jener eingezogenen Miene, und dann…
 
Das ist nicht übel! das zeigt Verstand!
mit jenen scheuigen Augen, mit jener ein=
gezogenen Miene, und dann…
Susanna
 
Sus.
 
Es ist besser, dass ich weggehe.
 
Es ist besser, daß ich weggehe.
Marzellina
 
Marz.
 
Welche liebe Braut!
 
Welche liebe Braut!
(Beide wollen abgehen und kommen an der Türe zusammen.)
 
(beyde wollen abgehen und kom=
men an der Thure zusammen.)
 
Bedienen Sie sich, schimmernde Dame.
 
Bedienen Sie sich schimmernde Dame.
 
(macht eine Reverenz)
Susanna
 
Sus.
Ich bin nicht so verwegen, bissige Dame.
 
Ich bin nicht so verwegen bissige
Dame (– ein Reverenz=)
Marzellina
 
Marz.
Ihnen gebührt sich der Vorzug.
 
Ihnen gebührt sich der Vorzug.
 
(wie oben.)
Susanna
 
Sus.
Nein, Ihnen kömmt er zu.
 
Nein Ihnen kömmt er zu. (wie oben)
a due
 
a. 2.
Ich weiß meine Schuldigkeit, bin nicht unhöflich.
 
Ich weis meine Schuldigkeit, bin nicht
unhöflich. (Reverenzen)
Marzellina
 
Marz.
Die neue Braut!
 
Die neue Braut! (wie oben)
Susanna
 
Sus.
Die ehrwürdige Dame!
 
Die ehrwürdige Dame! (wie oben)
Marzellina
 
Marz.
Die Schöne des Grafen!
 
Die Schöne des Grafen! (wie oben)
Susanna
 
Sus.
(wie oben)
 
Die Geliebte Spaniens!
 
Die Geliebte Spaniens! (wie oben)
Marzellina
 
Marz.
Ihr Verdienst!
 
Ihr Verdienst!
Susanna
 
Sus.
Ihr Titel!
 
Ihr Titel!
Marzellina
 
Marz.
Der Rang!
 
Der Rang!
Susanna
 
Sus.
 
Das Alter!
 
Das Alter!
 
a 2.
Marzellina
 
 
Meiner Ehre ich vergehe mich, wenn ich noch länger da bleibe.
 
Meiuer Ehre ich vergehe mich, wenn
ich noch länger da bleibe.
Susanna
 
Sus.
 
Die alte Hexe macht mich lachend.
 
Die alte Hexe macht mich lachend.
(Marzellina gehet wütend ab.)
 
(Marzellina gehet wütend ab.)
Fünfter Auftritt
 
Fünfter Auftritt.
Susanna, alsdennCherubin.
 
Susanna alsdenn Cherubin.
Susanna
 
Sus.
Geh, alte Hofmeisterin, weil du ein paar Bücher gelesen und dadurch der Madame so viel Verdruss verursachet hast, bildest dir ein, eine Gelehrte zu sein.
 
Geh alte Hofmeisterinn, weil du ein paar
Bücher gelesen, und dadurch der Madame
so viel Verdruß verursachet hast, bildest
dir ein, eine Gelehrte zu seyn.
Cherubin
 
Cher.
Susannchen, bist du's?
 
Susannchen, bist dus? (tritt eilfertig
hervor)
Susanna
 
Sus.
Ja, ich bin's, was willst du?
 
Ja ich bins, was willst du?
Cherubin
 
Cher.
Ach, mein Herz, welch ein Zufall!
 
Ach mein Herz, welch ein Zufall!
Susanna
 
Sus.
Dein Herz! Was ist geschehen?
 
Dein Herz! was ist geschehen?
Cherubin
 
Cher,
Weil mich der Graf gestern allein mit der Barberina angetroffen hat, gab er mir den Abschied; und wenn die Gräfin, meine schöne Gevatterin, für mich nicht spricht, muss ich fortgehen (mit Kümmernis) und sehe dich nicht mehr, meine liebe Susanna.
 
Weil mich der Graf gestern allein mit
der Barberina angetroffen hat, gab er mir
den Abschied und wenn die Gräfinn,
meine schöne Gevatterinn für mich nicht
spricht, muß ich fortgehen, und sehe dich
nicht mehr, meine liebe Susanna. (mit
Kümmerniß)
Susanna
 
Sus.
Siehest nicht mehr mich! Brav! Seufzet also dein Herz nicht mehr heimlich für die Gräfin?
 
Siehest nicht mehr mich! brav! seufzet
also dein Herz nicht mehr heimlich für die
Gräfinn?
Cherubin
 
Cher.
Ach, sie flößt mir zu viel Ehrfurcht ein! Wie glücklich bist du, weil du sie nach Belieben sehen kannst! Du kleidest sie des Morgens an, bei der Nacht ziehst sie wieder aus, du legst ihr… die Stecknadel, die Spitzen… Ach, wenn ich an deiner Stelle… (mit Freude) Sage mir, was gibt's da?
 
Ach sie flöst mir zu viel Ehrfurcht ein,
wie glücklich bist du, weil du sie nach Be=
lieben sehen kannst! du kleidest sie des
Morgens an, bey der Nacht ziehst sie
wieder aus, du legst ihr… die Stecknadel,
die Spitzen… Ach wenn ich an deiner
Stelle… (mit Freude) Sage mir,
was giiebts da?
Susanna
 
Sus.
Ach, das schöne Band und die Nachthaube einer so lieben Gevatterin.
 
Ach das schöne Band, und die Nacht=
haube einer so lieben Gevatterinn (will
ihn nachahmen.)
Cherubin
 
Cher.
Ich bitte dich, gib es mir, gib es mir zur Gnade!
 
Ich bitte dich, gib es mir, gib es mir
zur Gnade! (nimmt der Susanna das
Band aus den Händen)
Susanna
 
Sus.
Her alsogleich mit dem Bande!
 
Her alsogleich mit dem Bande (Sus. will
das Band zurüknehmen,
 er läuft
um den Stuhl.)
Cherubin
 
Cher.
O liebes, o schönes, o glückliches Band!
 
O liebes, o schönes, o glückliches Band!
(küsset es zu wiederholten Malen)
Susanna
 
Sus.
Was ist diese Kühnheit?
 
Was ist diese Kühnheit? (lauft ihm wie=
der nach, und dann bleibt sie ste=
hen, als ob sie müde wäre.)
Cherubin
 
Cher.
Ich bitte dich, halte still, zur Vergeltung will ich dir dies Lied schenken.
 
Ich bitte dich, halte still, zur Vergel=
tung will ich dir dies Lied schenken.
Susanna
 
Sus.
Und was sollt ich damit tun?
 
Und was sollt ich damit thun?
Cherubin
 
Cher.
Lies es deiner Frau vor; lies es du selbst; lies es der Barberina, der Marzellina (vor Freude hüpfend) und allen Frauenzimmern des Palastes.
 
Lies es deiner Frau vor; lies es du
selbst, lies es der Barberina, der Mar=
zellina, und allen Frauenzimmern des Pal=
lastes. (vor Freude hüpfend)
Susanna
 
Sus.
Armer Cherubin! bist du närrisch?
 
Armer Cherubin! bist du närrisch?
Cherubin
 
Cher.
    Ich weiß nicht mehr, wer ich bin, was ich tue, itzt bin ich wie Feuer, dann wieder wie eine Eisgrube; jedes Frauenzimmer verursachet eine Veränderung der Farbe, jedes ein Herzklopfen in mir.
 
Ich weis nicht mehr, wer ich bin, was
ich thue, itzt bin ich wie Feuer, dann
wieder wie eine Eißgrube; jedes Frauenzim=
mer verursachet eine Veränderung der
Farbe, jede ein Herzklopfen in mir.

     Bloß beim Namen der Liebe und des Vergnügens verwirrt sich schon meine Seele, und eine Begierde, die ich nicht erklären kann, zwinget mich, von Liebe zu sprechen.
 
    Blos beym Namen der Liebe, und des
Vergnügens verwirrt sich schon meine
Seele, und eine Begierde, die ich
nicht erklären kann, zwinget mich,
von Liebe zu sprechen.

     Spreche von Liebe wachend, spreche von ihr schlafend, von ihr sprech ich zu Wässern, zu Schatten und Bergen, zu Blumen, zu Kräutern und Brünnen, zum Echo, zur Luft und Winden, welche alle den Klang der eitlen Töne mit sich fortreißen; und wenn ich niemanden habe, der mich hört, so rede ich von Liebe mit mir selbsten.
 
Spreche von Liehe wachend, spreche
von ihr schlafend, von ihr sprech ich
zu Wässern, zu Schatten, und Ber=
gen, zu Blumen, zu Kräutern, und
Brünnen, zum Echo, zur Luft, und
Winden, welche alle den Klang der
eitlen Töne mit sich fortreissen,
und wenn ich niemanden habe, der
mich hört, so rede ich von Liebe mit
mir selbsten.
(will abgehen; weil er aber von Weiten den Grafen sieht, kömmt er erschrocken zurück und verbirgt sich hinter dem Stuhle)
 
(will abgehen, weil er aber von
weiten den Grafen sieht, kömmt er
erschrocken zurück, und verbirgt
sich hinter dem Stuhle.)
Sechster Auftritt
 
Sechster Auftritt.
Cherubin, Susanna, alsdenn der Graf.
 
Cherubin, Susanna alsdenn der Graf.
Cherubin
 
Cher.
Ach, ich bin verloren!
 
Ach ich bin verlohren,
Susanna
 
Sus.
Welche Furcht!… der Graf… ich Elende!
 
Welche Furcht!… der Graf… ich
elende! (Sus. sucht den Cher. zu verbergen.
Der Graf
 
Graf
Susanna, du scheinest mir unruhig und verwirret.
 
Susanna, du scheinest mir unruhig, und
verwirret.
Susanna
 
Sus.
Mein Herr… bitte um Vergebung… Aber… wenn mich jemand… hier überfallen… Gehen Sie zur Gnade fort.
 
(verwirrt) Mein Herr… bitte um
Vergebung… Aber… wenn mich je=
mand… hier überfallen… gehen Sie
zur Gnade fort.
Der Graf
 
Graf
Nur einen Augenblick und dann gehe ich, höre mich.
 
Nur einen Augenblick, und dann gehe
ich, höre mich: (sitzt nieder, und nimmt
Susanna bey der Hand,
 die sich mit
Gewalt los macht.)
Susanna
 
Sus.
Ich höre nichts.
 
Ich höre nichts.
Der Graf
 
Graf
Zwei Worte; du weißt, dass mich der König als Botschafter nach London bestimmet hat; ich habe gedacht, den Figaro mitzunehmen…
 
Zwey Worte; du weißt, daß mich der
König als Bothschafter nach London be=
stimmet hat; ich habe gedacht, den Fi=
garo mitzunehmen…
Susanna
 
Sus.
Mein Herr, wenn ich dürfte…
 
(furchtsam) Mein Herr, wenn ich
dürfte…
Der Graf
 
Graf
Rede, rede, meine Schöne! (mit Zärtlichkeit, und will sie wieder bei der Hand nehmen) Und mit der Macht, so du heute lebenslang über mich erhältst, begehre, fordere, befehle.
 
(stehet auf) Rede, rede meine Schöne!
und mit der Macht so du heute lebens=
lang über mich erhältst, begehre, fordere,
befehle. (mit Zärtlichkeit und will sie
wieder bey der Hand nehmen.)
Susanna
 
Sus.
Lassen Sie mich, mein Herr; ich verlange, will keine Macht und verstehe sie nicht… O ich Unglückliche!
 
Lassen Sie mich, mein Herr; ich ver=
lange, …will keine Macht, und verstehe
sie nicht… o ich unglückliche. (mit
Verwirrung)
Der Graf
 
Graf
Nein, Susanna, ich will dich glücklich machen; du weißt recht wohl, wie sehr ich dich liebe, du wirst es von Basilio schon vernommen haben. Nun höre mich: Wenn du mit mir beim Anbruche des Tages auf wenige Augenblicke in den Garten… Ach, für eine solche Gefälligkeit wollte ich geben…
 
(wie oben) Nein Susanna, ich will
dich glücklich machen, du weist recht wohl
wie sehr ich dich liebe, du wirst es von
Basilio schon vernommen haben: Nun
höre mich: wenn du mit mir beym An=
bruche des Tages auf wenige Augenblicke
in den Garten… Ach für eine solche Gefäl=
ligkeit wollte ich geben…
Basilio
 
Bas.
Er ist kurz vorher ausgegangen.
 
Er ist kurz vorher ausgegangen. (zwi=
schen den Quinten)
Der Graf
 
Graf
Wessen ist diese Stimme?
 
Wessen ist diese Stimme?
Susanna
 
Sus.
O Himmel!
 
O Himmel!
Der Graf
 
Graf
Gehe hinaus, und niemand soll hereingehen.
 
Gehe hinaus, und niemand soll herein=
gehen.
Susanna
 
Sus.
Sollte ich Sie hier allein lassen?
 
Sollte ich Sie hier allein lassen? (sehr
unruhig.)
Basilio
 
Bas.
Er wird bei der Madame sein, ich gehe, um nach ihm zu fragen.
 
Er wird bey der Madame seyn, ich gehe
um nach ihm zu fragen. (zwischen den
Quinten)
Der Graf
 
Graf
Ich werde mich dahinter stellen.
 
Ich werde mich dahinter stellen. (weiset
auf den Stuhl)
Susanna
 
Sus.
Verbergen Sie sich nicht.
 
Verbergen Sie sich nicht.
Der Graf
 
Graf
Still, und mache, dass er fortgehe.
 
Still, und mache, daß er fortgehe.
(Der Graf will sich hinter dem Stuhle verbergen. Susanna setzt sich zwischen dem Pagen und dem Grafen, dieser schiebt sie zärtlich weiter, sie kehrt zurück, indessen schleicht der Page vor dem Stuhle, setzt sich darauf, und Susanna bedeckt ihn mit dem Gewande.)
 
stage056x{(Der Graf will sich hinter dem Stuh=
le verbergen. Sus setzt sich zwi=
schen dem Pagen und dem Gra=
fen, dieser schiebt sie zärtlich wei=
ter, sie kehrt zurück, indessen
schlieft der Page vor dem Stuh=
le, setzt sich darauf, und Su=
Susanna
 
Sus.
Au weh! Was machen Sie?
 
Au weh! was machen Sie?
Siebenter Auftritt
 
Siebenter Auftritt.
Die Vorigen und Basilio.
 
Die Vorigen und Basilio
Basilio
 
Bas.
Grüße Sie der Himmel, Susanna: Hätten Sie zum Glücke den Grafen gesehen?
 
Grüsse Sie der Himmel Susanna: hät=
ten Sie zum Glücke den Grafen gesehen?
Susanna
 
Sus.
Und was sollte der Graf bei mir tun? Weg von hier.
 
Und was sollte der Graf bey mir thun?
weg von hier.
Basilio
 
Bas.
Doch warten Sie, hören Sie, Figaro sucht ihn.
 
Doch warten Sie, hören Sie, Figaro
sucht ihn.
Susanna
 
Sus.
 
(O Himmel!) Er sucht jenen, den er nach Ihnen am meisten hasset.
 
(O Himmel.) er sucht jenen, den er nach
Ihnen am meisten hasset.
Der Graf
 
Graf.
 
(Ich will sehen, wie er mich bedient.)
 
(Ich will sehen, wie er mich bedient.)
Basilio
 
Bas.
Ich habe in der Sittenlehre niemalen gelesen, dass, der die Frau liebt, den Mann hasse! Um zu sagen, dass Sie der Graf liebt…
 
Ich habe in der Sittenlehre niemallen ge=
lesen, daß, der die Frau liebt, den Manu
hasse! um zu sagen, daß Sie der Graf
liebt…
Susanna
 
Sus.
Fort von hier, niederträchtiger Minister anderer Leidenschaften; (zornig) ich brauche weder Ihre Sittenlehre, noch den Grafen und weniger seine Liebe…
 
Fort von hier, niederträchtiger Minister
anderer Leidenschaften; ich brauche we=
der Ihre Sittenlehre, noch den Grafen,
und weniger seine Liebe… (zornig)
Basilio
 
Bas.
Es ist nichts Übels, jeder hat seine eigene Laune: Ich glaubte, Sie sollten zwischen zween Liebhabern, wie alle Mädchen tun, einen freigebigen und klugen Herrn einem Purschen, einem Pagen, vorziehen.
 
Es ist nichts Uibels, jeder hat seine eigene
Laune: ich glaubte, Sie sollten zwischen
zween Liebhabern, wie alle Mädchen thun.
einen freygebigen, und klugen Herrn ei=
nem Purschen, einem Pagen vorziehen.
Susanna
 
Sus.
Ach, Cherubin!
 
Ach Cherubin! (mit Aengsten)
Basilio
 
Bas.
Ach, Cherubin! Cherubin der Liebe, der heute früh hier herumspazierte, um einzukehren.
 
Ach Cherubin! Cherubin der Liebe, der
heute früh hier herum spatzierte, um ein=
zukehren.
Susanna
 
Sus.
Bösewicht, eine Lüge ist diese.
 
Bösewicht, eine Lüge ist diese. (mit Nach=
drucke.
Basilio
 
Bas.
Jeder Scharfsichtige ist bei Ihnen ein Bösewicht; und dies Lied? Sagen Sie mir im Vertrauen, ich bin Ihrer Freund, werde Sie nicht verraten, denn für Sie, für Madame…
 
Jeder scharfsichtige ist bey Ihnen ein Bö=
sewicht, und dies Lied? Sagen Sie mir
im Vertrauen, ich bin, Ihrer Freund,
werde sie nicht verrathen, denn für Sie,
für Madame…
Susanna
 
Sus.
(Welcher Teufel hat es ihm gesagt?)
 
(Welcher Teufel hat es ihm gesagt?)
 
(zeigt verwirrt zu seyn.)
Basilio
 
Bas.
Eben recht, mein Kind, unterrichten Sie ihn besser; er schauet sie bei der Tafel so oft und mit solcher Unvorsichtigkeit an, dass, wenn es der Graf wahrnimmt… Sie wissen, in dem Stucke ist er ein Vieh.
 
Eben recht mein Kind, unterrichten Sie
ihn besser; er schauet sie bey der Tafel
so oft, und mit solcher Unvorsichtigkeit an,
daß wenn es der Graf wahrnimmt: Sie
wissen in dem Stucke ist er ein Vieh.
Susanna
 
Sus.
Und warum schütten Sie,
 
Und warum schütten Sie boshafter Mensch
dergleichen Lügen aus?
boshafter Mensch, dergleichen Lügen aus?
 
Basilio
 
Bas.
Ich, Lügen! Wie ungerecht! Wie ich die Sache kaufe, so verkaufe ich sie wieder, und dem, was die Welt sagt, setze ich nicht das Geringste hinzu.
 
Ich Lügen! wie ungerecht; wie ich die
Sache kaufe, so verkaufe ich sie wieder,
und dem, was die Welt sagt, setze ich nicht
das geringste hinzu.
Der Graf
 
Graf
Wie, was sagt die Welt?
 
Wie, was sagt die Welt? (tritt hervor)
Basilio
 
Bas.
Das ist allerliebst!
 
Das ist allerliebst!
Susanna
 
Sus
O Himmel!
 
O Himmel!
Der Graf
 
Graf
Was höre ich! Gehe gleich und verjage den Verräter.
 
Was höre ich, gehe gleich, und ver=
jage den Verräther (zum Bas.)
Basilio
 
Bas.
Ich bin im üblen Augenblicke hier angekommen. Vergeben Sie, mein Herr!
 
Ich bin im üblen Augenblicke hier ange=
kommen. Vergeben Sie mein Herr!
Susanna
 
Sus.
O ich Elende, welch ein Verderben! (fast ohnmächtig) Der Schrecken unterdrückt mich.
 
O ich elende, welch ein Verderben! der
Schrecken unterdrückt mich. (fast ohn=
mächtig)
Der Graf, Basilio
 
Graf./Bas. a 2.
Ach, die Arme ist schon ohnmächtig. Himmel! Wie schlägt ihr das Herz!
 
Ach die arme ist schon ohnmächtig,
Himmel! wie schlägt ihr das Herz!
(nähern sich dem Stuhle)
 
(Beyde halten sie auf dem Arm)
Basilio
 
Bas.
Ganz leise auf diesem Sitze.
 
Ganz leise auf diesem Sitze. (nähern sich
dem Stuhle)
Susanna
 
Sus.
Wo bin ich! (macht sich los) Welch eine Verwegenheit.
 
Wo bin ich! (kömmt wieder zu sich)
Welch eine Verwegenheit. (macht sich los.)
 
a 2.
Der Graf
 
Graf
Wir sind hier, um dir Hülfe zu leisten;beunruhige dich nicht, mein Schatz!
 
Wir sind hier um dir Hülfe zu leisten
beunruhige dich nicht mein Schatz!
Basilio
 
Bas.
 
Wir sind hier, um Ihnen Hülfe zu leisten;Ihre Ehre ist sicher!
 
Wir sind hier um Ihnen Hülfe zu leisten,
Ihre Ehre ist sicher!
 
Basilio
 
Bas.
Ach! was ich von dem Pagen gesprochen,war ein bloßer Argwohn.
 
Ach! was ich von dem Pagen gesprochen,
war ein bloßer Argwohn. (zum Graf.)
Susanna
 
Sus.
Es ist eine Hinterlist, eine Bosheit, glauben Sie dem Verleumder nicht.
 
Es ist eine Hinterlist, eine Bosheit, glau=
ben sie dem Verläumder nicht.
Der Graf
 
Graf
Fort, fort mit dem Burschen.
 
Fort, fort mit dem Burschen.
Basilio, Susanna
 
Bas./Sus. a. 2.
Der arme Tropf!
 
Der arme Tropf!
Der Graf
 
Graf
Armer Tropf! Aber auch von mir überfallen.
 
Armer Tropf! (ironisch) aber auch
von mir überfallen.
Susanna
 
Sus.
Wie!
 
Wie!
Basilio
 
Bas
Was!
 
Was!
Der Graf
 
Graf
Gestern fand ich die Türe deiner Base versperret; ich klopfe an, Barberina macht mir ganz erschrocken auf; ihr Angesicht erweckte in mir einen Argwohn, ich schaue, suche aller Orten, und als ich ganz leise den Teppich vom Tische aufhebe, sehe ich den Pagen.
 
Gestern fand ich die Thüre deiner Base
versperret; ich klopfe an, Barbarina macht
mir ganz erschrocken auf, Ihr Angesicht
erweckte in mir einen Argwohn, ich schaue,
suche aller Orten, und als ich ganz leise
den Teppich vom Tische aufhebe, sehe ich
den Pagen (macht die nämliche Bewe=
gung mit dem Gewande, und sieht den
Pagen)
 
a 3.
Der Graf
 
Graf
Ach, was sehe ich!
 
Ach was sehe ich! (mit Erstaunen)
Susanna
 
Sus
Grausamer Himmel!
 
Grausamer Himmel! (mit Furcht)
Basilio
 
Bas.
Besser noch!
 
Besser noch! (lachend)
 
 
a. 3.
Der Graf
 
Graf
Ehrlichstes Mädchen! itzt verstehe ich, wie es gehet.
 
Ehrlichstes Mädchen! itzt verstehe ich,
wie es gehet,
Susanna
 
Sus.
Nichts Schlechters kann sich zutragen. Gerechter Himmel! was wird daraus!
 
Nichts schlechters kann sich zutragen.
Gerechter Himmel! was wird daraus
Basilio
 
Bas.
Alle Schönen machen es so, dies ist nichts Neues.
 
Alle Schöne machen es so, dies ist
nichts neues.
 
Der Graf
 
Graf
Basilio, suche alsogleich den Figaro auf: (weist auf Cherubin, der unbeweglich bleibt) Er soll sehen…
 
Basilio suche alsogleich den Figaro auf
er soll sehen… (weißt auf Cherubin
der unbeweglich bleibt)
Susanna
 
Sus.
Ja, er soll hören; gehen Sie.
 
Ja er soll hören; gehen Sie (mit Leb=
haftigkeit.)
Der Graf
 
Graf
Bleibe hier: Welche Vermessenheit und welche Entschuldigung, wenn die Schuld einleuchtend ist?
 
Bleibe hier (zu Bas.) welche Vermessenheit
und welche Entschuldigung, wenn die Schuld
einleuchtend ist?
Susanna
 
Sus.
Wer unschuldig ist, braucht keine Entschuldigung.
 
Wer unschuldig ist, braucht keine Ent=
schuldigung.
Der Graf
 
Graf
Aber wann kam dieser daher?
 
Aber, wann kam dieser daher?
Susanna
 
Sus.
Er war schon bei mir, als Sie ankamen, und bat mich, die Frau zu bereden, dass sie für ihn spreche: Ihre Ankunft setzte ihn in Verlegenheit, und alsdenn verbarg er sich in dem Orte.
 
Er war schon bey mir, als Sie ankamen,
und bat mich, die Frau zu bereden, daß
sie für ihn spreche: Ihre Ankunft setzte
ihn in Verlegenheit, und alsdenn verbarg
er sich in dem Orte.
Der Graf
 
Graf
Aber ich hab ja mich selbsten dort niedergesetzt, als ich ins Zimmer trat!
 
Aber ich hab ja mich selbsten dort nie=
dergesetzt, als ich ins Zimmer trat!
Cherubin
 
Cher.
Und damals verbarg ich mich von hinten.
 
Und damals verbarg ich mich von hinten.
(furchtsam)
Der Graf
 
Graf
Und da ich mich dorthin stellte?
 
Und da ich mich dorthin stellte?
Cherubin
 
Cher.
Dann schlich ich ganz sachte und verbarg mich allhier.
 
Dann schlich ich ganz sachte, und ver=
barg mich allhier.
Der Graf
 
Graf
Himmel! Er hat also alles gehöret, was ich dir sagte!
 
Himmel! er hat also alles gehöret, was
ich dir sagte! (zu Susannen)
Cherubin
 
Cher.
Ich tat alles mögliche, um es nicht zu hören.
 
Ich that alles mögliche, um es nicht
zu hören.
Der Graf
 
Graf
O welch eine Treulosigkeit!
 
O welch eine Treulosigkeit!
Basilio
 
Bas.
Mäßigen Sie sich, es kömmt wer an.
 
Mässigen Sie sich, es kömmt wer an.
Der Graf
 
Graf
Und du bleibe hier, kleine Schlange.
 
Und du bleibe hier, kleine Schlange.
 
(ziehet ihn vom Stuhle herab.)
Achter Auftritt
 
Achter Auftritt.
 
Figaro mit einem weißen Gewande in der Hand. Chor der Bauern und Bäuerinnen in weißen Kleidern, welche in einem Körblein gesammelte Blumen vor dem Grafen streuen, und Folgendes singen.
 
Figaro mit einem weissen Gewande in
der Hand: Chor der Bauern und
Bäuerinnen in weissen Kleidern,
welche in einem Körblein gesam
melte Blumen vor dem Grafen
streuen, und folgendes singen.
Chor
 
Chor.

     Lustige Mädchen, streuet Blumen vor unserm edlen Herrn. Sein großmütiges Herz bleibe rein, wie die liebliche Weiße der schönsten Blume.
 
    Lustige Mädchen streuet Blumen, vor
unserm edlen Herrn. Sein groß
müthiges Herz bleibe rein, wie die
liebliche Weisse der schönsten Blume.
Der Graf
 
Graf
Was ist das für Comédie?
 
Was ist das für Comedie? (zu Figaro
mit Verwunderung)
Figaro
 
Fig.
Nun sind wir auf dem Wege: Folge mir, mein Herz.
 
Nun sind wir auf dem Wege, folge mir
mein Herz. (still zu Sus.)
Susanna
 
Sus.
 
Ich habe keine Hoffnung.
 
Ich habe keine Hoffnung.
Figaro
 
Fig.
Mein Herr! verachten Sie nicht diesen von unserer Liebe herrührenden Tribut: Nun, da Sie das einem zärtlichen Liebhaber so unangenehme Recht abgeschaffet haben…
 
Mein Herr! verachten Sie nicht diesen von
unserer Liebe herrührenden Tribut: nun
da sie das einem zärtlichen Liebhaber so
unangenehme Recht abgeschaffet haben…
Der Graf
 
Graf
Itztbestehet dies Recht nicht mehr; was verlanget man also?
 
Itzt bestehet dies Recht nicht mehr; was
verlanget man also?
Figaro
 
Fig.
Heute wollen wir die erste Frucht Ihrer Klugheit genießen: Heute ist unsere Hochzeit schon bestimmet; nun gehört es Ihnen, diese, welche vermög' eines Ihrigen Geschenkes ist rein erhalten worden, mit diesem weißen Gewande, Merkzeichen der Ehrbarkeit, zu bedecken.
 
Heute wollen wir die erste Frucht ihrer
Klugheit geniessen: heute ist unsere Hochzeit
schon bestimmet: nun gehört es Ihnen,
diese, welche vermög eines Ihrigen Ge
schenkes ist rein erhalten worden, mit die=
sem weissen Gewande, Merkzeichen der
Ehrbarkeit zu bedecken.
Der Graf
 
Graf
 
Höllische Arglistigkeit! Allein man muss sich verstellen. Ich danke euch, meine Freunde, für so ehrliche Gesinnungen, aber verdiene deshalben weder Tribute noch Lobsprüche, und indem ich in meinen Lehngütern ein so unbilliges Recht abschaffe, stelle ich der Natur ihre Rechte zurück.
 
Höllische Arglistigkeit! allein man muß
sich verstellen. Ich danke euch meine
Freunde für so ehrliche Gesinnungen, aber
verdiene deshalben weder Tribute noch Lob=
sprüche, und indem ich in meinen Lehngü=
tern ein so unbilliges Recht abschaffe, stelle
ich der Natur ihre Rechte zurück.
Alle
 
Alle
Er lebe, er lebe, er lebe!
 
Er lebe, er lebe, er lebe. (hinterhaltisch)
Susanna
 
Sus.
Welche Tugend!
 
Welche Tugend!
Figaro
 
Fig
Was für Gerechtigkeit!
 
Was für Gerechtigkeit!
Der Graf
 
Graf
Ich verspreche euch, die Zeremonie zu vollziehen. Ich begehre nur kurzen Aufschub: Ich will euch in Gegenwart meiner Treuesten und mit herrlicher Pracht vollkommen glücklich machen. (Man schaue um Marzellina.) Gehet, meine Freunde.
 
Ich verspreche euch (zu Fig. und Sus.)
die Zeremonie zu vollziehen. Ich begehre
nur kurzen Aufschub; Ich will euch in
Gegenwart meiner Treuesten, und mit herr=
licher Pracht vollkommen glücklich machen.
(man schaue um Marzellina) Gehet meine
Freunde.
Die Bauern wiederholen den Chor, streuen die übrigen Blumen und gehen ab.
 
Die Bauern wiederholen den
Chor, streuen die übrigen
Blumen, und gehen ab.
 
 
Figaro
 
Fig.
Er lebe!
 
Er lebe.
Susanna
 
Sus.
Er lebe!
 
Er lebe.
Basilio
 
Bas.
Er lebe!
 
Er lebe.
Figaro
 
Fig.
Und du stimmst nicht bei?
 
Und du stimmst nicht bey? (zu Cher.)
Susanna
 
Sus.
Der Arme ist betrübt, weil ihn der Herr vom Schlosseverjaget.
 
Der arme ist betrübt, weil ihn der Herr
vom Schlosse verjaget.
Figaro
 
Fig.
Ach, in einem so feierlichen Tage!
 
Ach. in einem so feyerlichen Tage!
Susanna
 
Sus.
Am Tage der Hochzeit!
 
Am Tage der Hochzeit!
Figaro
 
Fig.
Als Sie die ganze Welt bewundert!
 
Als Sie die ganze Welt bewundert.
Cherubin
 
Cher.
Vergebung, mein Herr.
 
Vergebung mein Herr (kniet nieder)
Der Graf
 
Graf.
Du verdienst sie nicht.
 
Du verdienst sie nicht.
Susanna
 
Sus.
Er ist noch kindisch.
 
Er ist noch kindisch
Der Graf
 
Graf
Weniger als du meinst.
 
Weniger als du meinst.
Cherubin
 
Cher.
Es ist wahr, ich verging mich; aber von meinem Munde endlich…
 
Es ist wahr, ich vergieng mich, aber
von meinem Munde endlich
Der Graf
 
Graf
Gut, ich vergebe dir; ich will noch viel Mehrers tun: In meinem Regimente ist eine Offizierstelle leer, dich erwähle ich dazu, füge dich gleich dahin – lebe wohl.
 
Gut ich vergebe dir (deutet, er soll
aufstehen)
ich will noch viel mehrers
thun: in meinem Regimente ist eine Of=
fizierstelle leer, dich erwähle ich dazu
füge dich gleich dahin – lebe wohl.
(Der Graf will abgehen, Susanna, Figaro und Cherubin halten ihn auf.)
 
(Der Graf will abgehen, Sus. Fig. und
Cher halten ihn auf.)
Susanna, Figaro
 
Sus./Fig. a. 2.
Nur bis auf Morgen…
 
Nur bis auf Morgen…
Der Graf
 
Graf
Nein, gleich soll er gehen.
 
Nein gleich soll er gehen.
Cherubin
 
Cher
Ich bin schon bereit, Ihnen zu gehorchen.
 
Ich bin schon bereit, Ihnen zu gehorchen
 
(seufzend)
Der Graf
 
Graf
Doch zum letzten Male umarme die Susanna. (Cherubin umarmet Susanna, sie bleibt verwirret.) (Der Streich ist unerwartet.)
 
Doch zum letzten Mahle umarme die Su=
sanna: der Streich ist unerwartet. (Cher.
umarmet Sus., sie bleibt verwirret.)
Figaro
 
Fig.
Ei, Hauptmann, mir auch die Hand; (still zu Cherubin) (ehe du abreisest, will ich dich sprechen.) (mit verstellter Freude) Lebe wohl, kleiner Cherubin; wie verändert sich in einem Augenblicke dein Schicksal!
 
Ey Hauptmann mir auch die Hand (ehe
du abreisest, will ich dich sprechen) (still
zu Cher.)
Lebe wohl kleiner Cherubin;
wie verändert sich in einem Augenblicke dein
Schicksal. (mit verstellter Freude.)
 
 
 

     Wirst nicht mehr, flatterhafter Liebender, Tag und Nacht herumirren. Wirst nicht mehr, flüchtiger Schwärmer, die Ruhe der Schönen stören.
 
    Wirst nicht mehr flatterhafter Liebender
Tag und Nacht herumirren.
 
    Wirst nicht mehr flüchtiger Schwärmer
die Ruhe der Schönen stören.

     Nicht mehr jene schöneFederbuschen werden deinen feinen artigen Hut zieren. Nicht mehr dies schöne lange Haar, jene heitere Mine, diese lebhafte weibliche Farbe.
 
    Nicht mehr jeue schöne Federbuschen
werden deinen feinen artigen Hut zieren.
 
    Nicht mehr dies schöne lange Haar,
jene heitere Mine, diese lebhafte weib=
liche Farbe.

     Zwischen Kriegern, potztausend! Mit langem Schnautzbart, engem Rocke, einem Gewehr auf den Schultern, Säbl an der Seite, gradem Halse, freiem Angesichte; mit einem großen Casquet oder Mütze auf dem Kopf, viel Ehre, wenig Geld, und statt des Tanzes ein Marsch durch Pfütze, durch Berge und Täler, im Schnee und heißesten Sonnenstrahlen, unter dem Konzert der Trompeten, der Bomben und Kanonen, deren Kugeln allerlei Töne in den Ohren hervorbringen.
 
    Zwischen Kriegern potztausend! mit
langem Schnautzbart, engem Rocke,
einem Gewehr auf den Schultern,
Säbl an der Seite, gradem Halse,
freyem Angesichte; mit einem gros=
sen Casquet, oder Mütze auf dem
Kopf, viel Ehre, wenig Geld, und
statt des Tauzes ein Marsch durch
Pfütze, durch Berge, und Thä=
ler, im Schnee, und heissesten Son=
nenstrahlen, unter dem Konzert der
Trompeten, der Bomben, und Ka=
nonen, deren Kugeln allerley Töne
in den Ohren hervorbringen.

     Cherubin, zum Siege, zum kriegerischen Ruhme!
 
    Cherubin zum Siege
zum kriegerischen Ruhme.
 
Ende des ersten Aufzuges.
 
Ende des ersten Aufzuges.