MARIA ANNA MOZART AN LEOPOLD MOZART IN SALZBURG
PARIS, 14. MAI 1778
mit Nachschrift von Wolfgang Amadé Mozart
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                                                                                           Paris den 14 Maÿ
Mein lieber Mann.                                                                                  1778

Gott lob und danck wür seind beÿde gesund, und hoffen ihr werdet euch in
gleichen gesund befinden, welches unser einziges Vergniegen ist, solches
zu vernehmς, was unsere umstände betrifft könnς wür beÿ diser Jahrs
zeit zu friden sein, der wolfganng hat ein guttes haus bekomς.
er mues den duc de           , seiner Mademoiselle dochter das Componieren
lehrnen alle dag 2 stund, er bezalt brav, und ist der Könnigin ihr
favorit, der Duc liebt den wolfgang über alles, dermahlen hat
er 3 Scolaren, er könnte mehrer haben er kan sie nicht nehmen,
weill alles so weith entlegen ist, und er nicht zeit hat, bis wür
besser in der ordnung sein, bis gegen den winter wird er
genueg zu thuen bekomen, das er nicht wird wissen wo ihm der
Kopf stehet, so sagt ihm iederman, wir haben auch in Sinn
|: und es Rathens es uns alle gutte freinde :| das wür soltς zu ende
des Somers ein eigenes quadier nehmς, die Meubel selbst schaffen
so man hier leicht bekomς kan, und selbst kochς, so kan man
umb das halbe gelt leben, wür werden es auch thuen, so
bald wür werden zu mehrer gelt komen. iezt mächte ich
vor allen wissen wie es mit den Krieg stehet, dahier ist die red.
das es friden seÿ zwischen den Kaiser, und Preusen, der hiesige
Krieg mit engeland ist noch nicht publiciert, aber anstalten
werden starcke gemacht. die Königin ist der mahlen schwanger
es ist aber auch noch nicht publick, aber doch gewis, es ist
eine grosse freid under den franzosen. den herrn Ceccarelli bitte
unsere empfehlung abzulegς |: wan er noch zu Salzburg ist :|, es ist uns
leid das wür nicht die ehre haben ihm zu kennς. wie gehet es dann
der adlgasserin, ist die victorl noch beÿ ihr, und was macht
die Eberlin waberl und der baranzki, komς sie noch zu Zeitς
zu uns. gehet die nannerl noch alle wochen zum andretter
ist der Junge andretter noch zu Neuen Etting, weill in bairen alles

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verändert ist, die freyle von schidenhoffen und die kranach nanerl
komen sie noch zum Pölzel schiessen, der herr von schidenhofen
würd wohl stolz sein weill er ein so Reiche frau hat, und sich
nicht mehr würdigen zu uns zu komς, es ist zwahr nichts daran
gelegen, sonsten hoffe ich Salzburg stehet noch am alten orth.
hier in Paris hat sich seith der zeit villes verändert, es ist vill
grösser gebauet, und so erweithert das es nicht zu beschreiben,
die chausse d Antin wo Monsieur grim ist vollig eine Neue forstatt
und ville der gleichen schöne breithe strassen, ich habe zwar darvon
noch nicht vill gesehen, ich habe aber die Neue statt kartten, und
dise ist vill anderst als unsere alte. etwas für die nanerl. die
Mode ist hier das man weder ohren geheng noch umm den hals
was tragt auch keine gestainlete nadl in haar, nicht das mineste
glänzete stainel weder gueth noch falsch, die frisur aber erstaun=
lich hoch, keinς herz doupee, sondern überall gleich hoch welches mehr
als ein drittel elln aus trägt, her nach erst die haubς darauf
die noch höcher ist als der duppe und Ruckwerths den zopf
oder chenion weith ins genick hinunter, und auf der seÿthς mit
villen boclen garniert, der doupee aber ist lautter Krep
keine glate harr, sie haben sie noch höcher getragen, das
man hat müessen die gutschen erhöchen, weill kein frauenzimer
hät auffrecht sizen können, es ist aber widerum abkomen.
die bolonese seind starck Mode und unvergleichlich gemacht.
die schlender für ledige frauenzimer vorn glath in leib und keine
falthen. iezt weis die nanerl indessen genueg von der Mode
und mues den Wolfgang einς Plaz lassen lebts also beÿde
gesund ich Küsse euch vill 100000 mahl, meine Empfehlung
an alle guette freinde Musieur bullinger Sallerl deibel Jungfer
Mizerl und alle andere verbleibe dein getreues Weib
die thresel las ich griessen und dem bimbel Marianna Mozart
schick ich ein busserl, lebt die grasmucken noch? – –

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Nun habe ich schon so viell zu thun, wie wird es erst auf den winter gehen? –
ich glaube ich habe ihnen schon im lezten brief geschrieben, das der Duc de guines,
dessen Tochter meine scolarin in der Composition ist, unvergleichlich die flöte spiellt,
und sie magnifique die Harpfe; sie hat sehr viell Talent, und genie, besonders
ein unvergleichliches gedächtnüß, indem sie alle ihre stücke, deren sie wircklich
200 kan, auswendig spiellt. sie zweifelt aber starck ob sie auch genie zur
Composition hat – besonders wegen gedancken – idéen; – ihr vatter
aber, der | unter uns gesagt, ein bischen zu sehr in sie verliebt ist | sagt, sie
habe ganz gewis idéen; es seÿe nur blödigkeit – sie habe nur zu wenig
vertrauen auf sich selbst. Nun müssen wir sehen. wen sie keine idéen oder
gedancken bekömt | den izt hat sie würcklich gar – keine | so ist es umsonst,
den – ich kan ihr weis gott keine geben. die intention vom vatter ist,
keine grosse Componistin aus ihr zu machen, sie soll, sagte er, keine opern,
keine arien, keine Concerten, keine Sinfonien, sondern nur, grosse Sonaten
für ihr instrument und für meines, schreiben. heüte habe ich ihr die 4:te
Lection gegeben, und was die Regln der Composition, und das sezen an=
belangt, so bin ich so ziemlich mit ihr zufrieden – sie hat mir zu den
Ersten Menuett den ich ihr aufgesezt, ganz gut den Bass dazu gemacht.
nun fängt sie schon an 3stimig zu schreiben. es geht; aber sie Ennuirt
sich gleich; aber ich kan ihr nicht helfen; ich kan ohnmöglich weiter schreiten.
es ist zu fruh, wen auch wircklich das genie da wäre, so aber ist leider
keines da – man wird alles mit kunst thun müssen. sie hat gar keine
gedancken. es kömt nichts. ich habe es auf alle mögliche art mit ihr
Probirt; unter andern kam mir auch in sin, einen ganz simplen Menuett
aufzuschreiben, und zu versuchen, ob sie nicht eine variation darüber machen
nte? – ja, das war umsonst – Nun, dachte ich, sie weis halt nicht,
wie und was sie anfangen soll – ich fieng also nur den ersten tact an zu
variren, und sagte ihr, sie solle so fortfahren, und beÿ der idèe bleiben –
das gieng endlich so ziemlich. wie das fertig war, so sprach ich ihr zu, sie möchte
doch selbst etwas anfangen – Nur die erste stime, eine Melodie
ja, sie besan sich eine ganze viertl stund – und es kam nichts. da schrieb
ich also 4 täcte von einen Menuett und sagte zu ihr – sehen sie, was

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ich für ein Esel bin; izt fange ich einen Menuett an, und kann nicht ein=
mahl den Ersten theil zu ende bringen – haben sie doch die Güte und
machen sie ihn aus; da glaubte sie das wäre ohnmöglich; Endlich mit vieller
mühe – kam etwas an tage; ich war doch froh, das einmal etwas kam.
dan muste sie den Menuett ganz ausmachen – das heist, Nur die Erste stime.
über haus aber habe ich ihr nicht anders anbefohlen, als meine 4 täcte
zu verändern, und von ihr etwas zu machen – einen andern anfang
zu erfinden – wens schon die nemliche Harmonie ist, wen Nur die
Melodie anderst ist. Nun werde ich morgen sehen, was es ist. –
ich werde Nun bald, glaube ich, die Poesie zu meiner opera en deux acts, bekomen.
dan muß ich sie erst, dem Director, M:r de huime præsentiren, ob er sie animt.
da ist aber kein zweifel nicht; dan Noverre hat sie angegeben; und dem
Noverre hat de huime seine stelle zu dancken. Noverre wird auch bald
ein neües Ballet machen, und da werde ich die Musique dazu setzen.
Rudolph | der waldhornist | ist hier in königlichen diensten, und mein
sehr guter freünd. er versteht die Composition aus dem grund, und schreibt
schön. dieser hat mir die organisten stelle angetragen zu versailles, wen
ich sie anehmen will. sie trägt das jahr 2000 liv:res; da muß ich aber 6
Monath zu versailles leben. die übrigen 6 zu Paris, oder wo ich will. ich
glaube aber nicht daß ich es anehmen werde. ich muß guter freünde rath
darüber hören. 2000 liv:res ist doch kein so grosses geld. in teütscher
Münze freÿlich, aber hier nicht. es macht freÿlich das jahr 83 louisd'or,
und 8 liv:res, das ist, unsriges geld, 915 fl: und 45 kr:, | das wäre
freÿlich viell | aber hier nur, 333 thaller, und 2 liv:res – das ist
nicht viell. es ist erschröcklich, wie geschwind ein thaller weg ist.
ich kan mich gar nicht verwundern, wen man aus den louisd'or nicht viell
hier macht, den es ist sehr wenig. 4 so thaller, oder ein Louis, welches
das nemliche, sind gleich weg. Nun Adieu. leben sie recht wohl. ich küsse
ihnen 1000mahl die hände, und meine schwester umarme ich vom gantzen
herzen und bin dero gehorsamster sohn
an alle gute freünd und freundin meine Empfehlung,               wolfgang Amadè Mozart mp
besonders an hς: bullinger.

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