LEOPOLD MOZART AN MARIA ANNA MOZART IN SALZBURG
MÜNCHEN, 28. DEZEMBER 1774
mit Nachschrift von Wolfgang Amadé Mozart an Maria Anna (Nannerl) Mozart
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Glückseeliges Neues Jahr!                                                 Am unschuldigς KindlsTag abends,
                                                    
                28 Dec. 1774.
den morgς Mittags geht die Post.
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Eben den Tag als ihr beÿ S:r E: gr Sauerau waret, war morgens um 10 uhr
die erste Prob von des Wolfgς: opera, die so sehr gefallς, daß sie bis auf den 5 Jener
1775 verschobς wordς, damit die sänger solche besser lernς, und wen sie die Musik
recht im Kopf habς, sicherer agierς könς, damit die opera nicht verdorbς wird,
welches bis den 29 Decembς: eine übereilte sache gewesen wäre. Kurz! die
Composition dς Musik gefällt erstaunlich, und wird also den 5 Jener aufge=
führt werdς. Nun komt es nur auf die production im Theater an, die wie
hoffe gut gehς soll, weil die acteurs uns nicht abgeneigt sind. Die Gelegenheit
hat sich also recht gut gegebς S: Eς: gr. Sauerau von dς Reise Nachricht zu gebς. das
ist mir Lieb. daß alles höflich ist, glaube gern, das ist ihre Politik, und
sie argwöhnς allerhand sachen. Du oder die Nanerl muß zu hς: Hagenauer
gehς, und ihn ersuchς, daß er ihr einς Credit=brief für mich an einς seinigς
Correspondentς mit giebt. dan wen man gleich ein Regal erhält, so
wird es oft verschobς, daß mans nicht abwartς kan, ja manchmahl
erst nachgeschickt, und ich will mich auf nichts verlassς, den hier ist
alles langsam und oft verwirrt. du darfst es nur nebst meiner Empfς:
dem hς: Joseph meldς lassς.      Ich habe in einer blechenς dosen einς spanischς
Toback. Die Nanerl kan eine kleine Tabattier damit anfüllς und
mit nehmς, dan mein spanischer Toback geht mir aus. in des Wolfgς: schubladς
liegt eine ovale tombackene dose, die wird recht seÿn. Ich recomandiere der
Nanerl noch ein mahl einς gutς Mansbelz, und das Heu zu den füssς.
der Wolfgς: hat müssς 6 täg mit geschwolnem gesicht das Haus hüttς. die wangς
warς von ine und außς geschwollς, und das rechte aug, er konnte 2 täge nur
Suppen brühe essς. Man muß also das Gesicht und die ohrς wohl ver=
wahrς, den in einer offenς halb chaise schneidet der Luft beständig ins
Gesicht, weil man gegς die Luft fährt. und sitzt man in die chaise, daß
die füsse nicht recht warm sind, so kann mans den ganzς tag nicht mehr er=
wärmς. sie wird wohl beÿ hς: Gschwendner einsitzς. Es müssς also die belz=
stifl dort den tag vorhero hingebracht und zum ofen gehenkt werdς,
                           damit sie durch und durch warm sind, und dan
                           erst angezogς werdς, wen man einsitzς will.
                           Die Nanerl wird wohl, zur Noth, geld in Sack
                           mit nehmς. soll mir noch etwas beyfallς,
                           so wirst du es am Montage vor der Abreise
                           hörς, sonst weis nichts, Lebts wohl, wir kissς euch
beÿde, und bin nebst meiner Empfehlung an alle dein alter Mozart mp
                                                        Meine liebste schwester.
ich bitte dich vergesse nicht vor deiner abreise dein versprechen zu halten, daß ist,
den bewusten besuch abzustatten – – – – dan ich habe meine ursachen. ich bitte dich, dort
meine Empfehlung auszurichten – – aber auf daß nach drüklichste – – – und zärtlichste – – – und – –
oh – ich darf mich ja nicht so bekümern, ich kene ja meine schwester, die zärtlichkeit ist ihr
ja eigen; ich weis gewis daß sie ihr mögliches thun wird, um mir ein vergnügen zu erweisen,
und aus interesse – – – ein wenig boshaft – – – wir wollen uns in München darüber zancken.
     lebe wohl.

DOM=
MUSICK=VEREIN
U.
MOZARTEUM

INTERNATIONALE
STIFTUNG:
„MOZARTEUM”
1881
[S. 2] increment_line_height_2decrement_line_height_2
Nun muß die Nanerl auch wissen wohin sie fahren muß. dieses was
itzt komt muß sie ihr auf einen Zettl heraus schreibς, und dem
hς: Gschwendner gebς, oder beÿ sich habς.

Wen man durch das Thal heraufgefahren durch den Bogen auf den
grossen Platz komt, so bleibt man Linker Hand an den Bögen,
und wen man beÿ dem Durchgässl vorbeÿ ist, wo man auf den
Rindermarkt hineinsieht; so ist es das 5te Haus, von dem gassl=
an gezehlt.
an dem Haus, welches weis ist, ist in der Mitte ein rundes
kleines Gemählde, der heil: Franciscus Xaverius, und zu höchst oben im
4 Stock die Statue unser lieben Frau. im drittς Stock wohnt die Fr:
von Durst. wir werden nach 2 gegς halbe 3 schon dort seÿn.


NB Es ist das 5te Haus wen man das gässl, wo man zur St: Peters=
kirche auf den Rindermark hineinsieht, vorbeÿ ist, und heist
das spazenreitterische Haus auf dem Platz. Nun glaube ich ist es
deutlich genug erkläret.

À Madame
Madame Marie Anne
Mozart
                à
Franco        Salzbourg

DOM=
MUSICK=VEREIN
U.
MOZARTEUM

INTERNATIONALE
STIFTUNG:
„MOZARTEUM”
1881
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