CONSTANZE MOZART AN CARL THOMAS MOZART IN MAILAND
WIEN, 5. MÄRZ 1806
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No 94
                      5.3.1806

Lieber Karl! Dein wunsch ist
und bleibt auch der meine; nur
bitte ich dich, gehe mit Verstand
wie es einem Menschen in deinem
Alter zukömt, zu Wercke! –
Ich wuste längst, daß dir die
Musique nicht gleichgültig sein
oder bleiben könnte, ob du aber
darinen so fleisig warst oder
sein wirst, wie du es sein soltest,
weis ich nicht; dies mußt du
besser wißen als ich. Ich
überlaße dahero alles deiner
einsicht, und will Dir auch ge[-]
wiß nicht abrathen; nur erinnre
dich stets meiner so Herzlich
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lehren, nämlich: daß keiner von
Mozarts Söhne mittelmasig sein
darf, um sich nicht mehr Schande
als Ehre zu machen. Hast du
dieses alles überlecht, und findest
dich zu diesem schweren fache
gewachsen, so bin ich es ganz
zu frieden. Sey also fleißig
doppel fleißig; über dies muß
ich dir sachen daß du an deinem
Bruder einen starcken Revalen
hast, dem wirs freulich nicht
gestehen, um ihn nicht stolz
zu machen und um seinen
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fleiß zu vermehren. In der
that würde es mir wehe thuen
ein Bruder über den andern
geschätz zu sehen, Seid Ihr aber
alle beide Brav, und groß
so wird meine freude auch
um so größer sein. Ich
kan dir also nicht mehr daruber
sagen, als ich dir von Kindes
beinen an schon gesagt habe.
Und nun sage mir doch wie
du und wen du von Livorno
weg bist, den die haubt sache
deines Briefs gehet ab.
Auch kenne ich die beiden
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Herren asioli und Pinali ganz
und gar nicht; Erstern nicht
einmahl von Ruf |: welches er aber
nicht zu wißen braucht :| auch schreibst
du mir nicht, in welchem
fache der Musique du glaubst
dein glück zu machen. dies alles
wünsche ich doch zu wißen und da
Gottlob Mailand nicht so weit
ist, wie Livorno, so hoffe ich
bald antwort darüber.
Es tut mir leid, daß ich in be[-]
tref einer Partitur an Asiolino
deinen wunsch nicht befriedigen
kan, aber ich habe nicht eine
in meinem Vermöchen
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dafür aber kan er Mit der zeit
eine von wowi bekomen, die ihm
vielleicht auch freuden machen
wird weil er ein Sohn von
Mozart ist. noch mahl, seye
Brav fleißig und denke wie
Man sich Bettet so liegt man!
ich kan nichts, oder doch nicht
viel mehr für dich thuen, denn
du bist nun in einem alter wo
ich dich dir ganz und gar über[-]
laßen muß und wen ich dir
auch einmahl wie ich es for
kurzem wie du weist mit ein
paar hundert aus helfen
wollte: so ist doch das nie eine
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hilfe die dich glücklich machen
kan oder auf die du dich ver[-]
laßen kanst.
Nissen ist seit 4 Monat als der Mini[-]
ster gestorben ist chargé
d'affaires
und wer weiß wie
lange wir noch hier bleiben.
Die Sophie die auf Ostern
Herren Häubel Heierathen
wird, vereinigt ihre Wünsche
mit den meinigen
kurz, wir alle wünschen
alles waß du dir wünschen kanst
und daß du standhaft und
fleißig in deinem unternehmen
bist und bleibst, den das
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fach hat viele freude aber
auch viele cavalle auszuhalten.
Bedenke dies und glaube
deiner Mutter Constance
                      Mozart
Wien den 5 Merz
1806
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Vienna
Al Signore
Signore Carlo Mozart
dal Sign. Consigliere Pinali,
in piazza del duomo, casa Alodi,
N.° 1025.
Milano

MIL.O. MAR
     18

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