Erster Auftritt
 
 
Thamos. Pheron.
 
 
Thamos
 
 
Hier in dem Tempel, wo uns niemand hört, vor Ägyptens Gottheit, schließt Thamos seinem Freunde sein Herz auf. – Man will Misstrauen in dich bei mir erwecken. Du – sollst der Anstifter der Unruhen sein; deinen Fuß sollst du auf die Staffeln des Thrones gesetzt haben, um mich herunterzustürzen. – Erschrick nicht, Pheron! Keinen Augenblick schlich sich Argwohn in diese Brust ein. Thamos liebt dich wie allzeit. Vielleicht ein unbedachtsamer Schritt, dem Feindschaft oder Übermaß des Eifers eine ungleiche Ausdeutung gab!
 
 
Pheron
 
 
O hätten diese Feinde lieber geradezu ihren Hass in meinem Blute gekühlt! – Pheron in Gefahr, vor deinen Augen als ein Treuloser zu erscheinen! Gedanke, unerträglicher als der Tod! Herr! gewähre noch die Bitte, welche ich diesen Morgen tat! Versichere dich meiner Person!
 
 
Thamos
 
 
Sie komme nicht mehr in deinen Mund! – Thamos sollte einen Argwohn, den er verabscheuet, eine Furcht, die er nie empfand, dem ganzen Reiche zu erkennen geben? – Höre, Pheron! Hielte ich dich für untreu, so würde ich dich nicht fürchten, nein! – verachten. Das Herz des Verräters zittert. Bei jedem Schritte sieht er zurück, glaubt, es strecke die Strafe schon ihre Hand nach ihm aus. Und dieser Elende könnte Schrecken einjagen?
 
 
Pheron
 
 
Aber, Herr! werden nicht diejenigen, die meinen Untergang geschworen haben, neue Beschuldigungen erdichten, falsche Beweise dazu schmieden – und endlich ihr Ziel erreichen?
 
 
Thamos
 
 
Das werden sie nicht, wenn du unschuldig bist. Thamos wird dich hören.
 
 
Pheron
 
 
(streckt die Hand gegen das Sonnenbildnis aus)
 
 
Herr! bin ich untreu, so strafe Ägyptens –
 
 
Thamos
 
 
(unterbricht ihn)
 
 
Halt ein! – Glaubte ich nicht deinen Worten, so würde ich ebenso wenig deinen Schwüren trauen. Wer das Verbrechen nicht scheut, den schreckt auch kein Zorn der Götter. – Nichts mehr davon! Unser Gespräch lenke sich auf angenehme Gegenstände. – Liebst du, Pheron?
 
 
Pheron
 
 
(betroffen)
 
 
Ob ich liebe?
 
 
Thamos
 
 
Beantworte meine Frage!
 
 
Pheron
 
 
Was soll ich dir sagen?
 
 
Thamos
 
 
Das, was Mirza weiß und du mir verbirgst.
 
 
Pheron
 
 
Mirza! – der ich nichts entdeckte?
 
 
Thamos
 
 
Konnte sie es nicht selbst wahrnehmen? – Du siehst mit mir die edlen Töchter Ägyptens. Hat keine auf Pherons Herz einen Eindruck gemacht?
 
 
Pheron
 
 
Des Knechts Auge erkühnt sich nicht, dorthin verwegene Blicke zu werfen, wo er seines Herrn Wahl erwartet. Doch wenn Pheron sich nicht irrt, so ist sie schon getroffen. Die glückliche Myris –
 
 
Thamos
 
 
(fällt ihm in die Rede)
 
 
Ich verstehe dich. Wenn ich also die Myris wählte, so würdest du mich um die Sais bitten?
 
 
Pheron
 
 
Ich sagte schon, dass mein Auge –
 
 
Thamos
 
 
Genug! – Glaubst du, von der Sais geliebt zu sein?
 
 
Pheron
 
 
Wenn ich nie mit ihr von Liebe sprach!
 
 
Thamos
 
 
Höre, Pheron! wenn sie dich liebt, so soll sie dir zuteilwerden.
 
 
Pheron
 
 
(verwirrt)
 
 
Herr! – wie kann ich –
 
 
Thamos
 
 
(reicht ihm die Hand)
 
 
Keine Danksagung! Thamos ist dein Freund. Er hält dich für seinen. – Hast du schon alle Anstalten zur Erhaltung der Ruhe getroffen?
 
 
Pheron
 
 
Ja, Herr! Die Wachten unter den Toren sind verstärket. Auf den Plätzen versammeln sich die Scharen des Kriegsvolks.
 
 
Thamos
 
 
Welcher kränkende Schmerz! An dem Tage, wo Thamos sich ganz Ägyptens Wohl weihet, empören Ägyptier sich gegen ihn!
 
 
Pheron
 
 
Die Undankbaren werden in sich gehen oder dieser Arm wird sie bestrafen.
 
 
Thamos
 
 
Ihr Götter! eher einem andern Ägyptens Szepter, als dass ihn in meiner Hand Bürgerblut bespritze!
 
 
(geht in den Palast zurück)
 
 
Zweiter Auftritt
 
 
Pheron allein.
 
 
 
 
 
Schwacher! wie wenig kennst du den Wert des Herrschens! – Thron, durch Schwert erkämpft oder von den Händen des Volks aufgebauet, bleibt immer Thron. (nach einer Pause) Jetzt wage ich bei dem Sethos einen Versuch. – Vorher mit der Mirza. –
 
 
(Er will gegen die Türe zugehen, die in das Haus der Sonnenjungfrauen führt, wird aber den Sethos gewahr und bleibt.)
 
 
Dritter Auftritt
 
 
Pheron. Sethos von hinten hervor, wo der Eingang zu den Wohnungen der Priester ist.
 
 
Sethos
 
 
Du allein, Pheron? Man sagte mir, auch der König sei da.
 
 
Pheron
 
 
Eben ist er in den Palast zurückgegangen. Ich blieb, um dir etwas zu entdecken.
 
 
Sethos
 
 
Was?
 
 
Pheron
 
 
Ein Geheimnis, dass dich in Verwunderung setzen und entzücken wird. – Du warst stets ein Verehrer des Menes.
 
 
Sethos
 
 
Sein Andenken konnte von mir nicht vergessen werden.
 
 
Pheron
 
 
Tharsis, seine einzige Tochter, wird auch für tot gehalten.
 
 
Sethos
 
 
In der Nacht, als Ramesses durch Verräterei die Sonnenstadt einnahm, ward sie wütenden Flammen zur Beute.
 
 
Pheron
 
 
Wenn sie gerettet worden wäre?
 
 
Sethos
 
 
Glaubst du den Ausstreuungen der Aufrührer?
 
 
Pheron
 
 
Keine Ausstreuungen. Wahrheit.
 
 
Sethos
 
 
(mit Empfindung)
 
 
Wie! Tharsis lebte? Menes hätte noch eine Tochter? – Du träumest, Pheron! Oder du bist selbst der Erfinder des Gerüchts.
 
 
Pheron
 
 
Nicht der Erfinder einer falschen Zeitung, aber derjenige, der die Tochter des Menes auf den väterlichen Thron setzen will. – Tharsis lebt. Diese Mauern schließen sie ein.
 
 
(auf das Haus der Sonnenjungfrauen zeigend)
 
 
Sethos
 
 
(freudig)
 
 
Diese Mauern? Das Haus der heiligen Jungfrauen? – Ach, Pheron! nenne, zeige sie mir!
 
 
 
 
 
Pheron
 
 
Sais.
 
 
Sethos
 
 
Was sagst du, Sais? (nachdenkend) Sais! – Ja, sie ist es. Längst empfand ich eine geheime Ahndung. Längst bemerkte ich bei ihr Züge, die mich rührten; Züge der göttlichen Nikoris. Aber, Pheron! noch kann ich der Freude mich nicht überlassen. Wie ist's möglich? Wer entriss sie den Flammen?
 
 
 
 
 
Pheron
 
 
Als das Feuer überhandnahm, stürzte sich die Wärterin der Prinzessin mit dem Kinde hinab in den Garten. Sie selbst bezahlte ihre Treue mit dem Leben, aber Tharsis ward erhalten. Ein feindlicher Soldat empfing das Kind von der Sterbenden und brachte es dem Ramesses. Ramesses befahl dem Soldaten zu schweigen und ließ ihn bald darauf umbringen. Die Prinzessin übergab er der Mirza. Unter dem Namen der Tochter eines Kriegsobersten wurde Tharsis bei den Sonnenjungfrauen erzogen. Ramesses hatte sie für den Thamos bestimmt. Er starb aber, ehe er seinen Vorsatz ausführen konnte. – Forderst du Beweise? Mirza hat sie in Händen, auch das Kleinod, das Tharsis bei ihrer Rettung am Halse trug.
 
 
Sethos
 
 
(voll freudiger Empfindung)
 
 
Ihr Götter! so ist es Wahrheit! So werden diese Augen sie noch sehen, die Tochter der Nikoris sehen! – Ach, Pheron! mit welcher Wonne erfüllst du mein Herz!
 
 
Pheron
 
 
Sagte ich nicht, dass die Nachricht dich entzücken würde? Ich kannte deinen Eifer für das Haus des Menes.
 
 
Sethos
 
 
(sucht wegen der Betrachtungen, die sich ihm darstellen, den Ausbruch seiner Freude zu mäßigen)
 
 
Wann hat dir Mirza die Geburt der Sais entdeckt?
 
 
Pheron
 
 
Erst vor sechs oder sieben Monden, als unser Heer gegen die Nubier zu Felde zog.
 
 
Sethos
 
 
Und Sais! Weiß auch sie schon, wer sie ist?
 
 
Pheron
 
 
Nein, aber bald wird sie es erfahren. – Jetzt, Sethos! enthüllt sich deinen Augen das Geheimnis der angeschlagenen Zettel und der Bewegungen in den Provinzen. Noch heute wird die Tochter des Menes auf den Thron ihrer Väter steigen. Du, Sethos! sollst dazu helfen. Wirst du es tun?
 
 
Sethos
 
 
Ja, Pheron! Tharsis soll Ägyptens Königin werden. – Doch warum offenbartest du mir die Sache nicht früher! War es Misstrauen?
 
 
Pheron
 
 
Nicht in dich. Deine Freundschaft mit dem Phanes hielt mich zurück. Dieser durfte vor der Zeit nichts erfahren. Jetzt ist er, ist Thamos selbst zu schwach, das Unternehmen zu hindern. Doch besser ist's, dass ihnen die Sache bis auf den Augenblick der Ausführung verborgen bleibe. – Wenn dann diesen Abend Sais als Tharsis erscheint, wenn du, Mirza und ich bekräftigen, dass sie die Tochter des Menes sei, so werden beide, vom Erstaunen betäubt, an keinen Widerstand denken; und wagten sie es, sich umringt in unsrer Gewalt sehen.
 
 
Sethos
 
 
Misstrauen in den Phanes! – Du weißt doch, wie eifrig er dem Menes anhing; dass er nicht eher als nach erschollener Zeitung von seinem Tode sich dem Ramesses unterwarf; dass er stets ein öffentlicher Verehrer des Menes blieb!
 
 
Pheron
 
 
Dies alles weiß ich, doch Phanes ist nicht mein Freund.
 
 
Sethos
 
 
Wird er darum weniger die Tochter des Menes beschützen?
 
 
Pheron
 
 
(schnell)
 
 
Sich aber ihrer Verbindung mit mir widersetzen.
 
 
Sethos
 
 
Liebt dich Sais?
 
 
Pheron
 
 
Wenn auch ihr Herz nichts empfände, so kann doch Pheron alles von der Dankbarkeit hoffen. – Du siehst, Sethos! das Vertrauen, das Mirza und ich in dich setzen. Sie wartet hier in dem Gange. Auf ein Zeichen von mir erscheint sie.
 
 
(Pheron geht auf der Seite ab, wo das Haus der Sonnenjungfrauen ist.)
 
 
Vierter Auftritt
 
 
Sethos allein.
 
 
Welcher Tag! – für mich, für Ägypten! – Euren Beistand, ihr Götter! – Eher verliere Menes zum zweiten Mal seine Tochter, als dass ein Treuloser durch sie herrsche!
 
 
Fünfter Auftritt
 
 
Sethos. Pheron. Mirza.
 
 
Mirza
 
 
(hat ein zusammengerolltes Pergament, Briefe und ein Halskleinod in den Händen)
 
 
Hier sind die Beweise, von denen du gehört hast! das goldene Bildnis der Göttin Isis, das Tharsis bei ihrer Rettung am Halse trug! die Aussage des Soldaten, der das Kind von der sterbenden Wärterin empfing, durch einen Geheimschreiber des Ramesses aufgezeichnet und von dem Ramesses selbst bekräftiget! Befehle des Ramesses, an mich erlassen.
 
 
Sethos
 
 
(greift begierig nach dem Kleinod und küsst es)
 
 
Ja! Ich kenne das Kleinod, die heiligen Zeichen, die Nikoris, (seufzend) der Königinnen frömmste! darauf stechen ließ. (Er entrollt das Pergament, hernach einige der Briefe.) Auch das Übrige so, wie du sagst. – Kein Zweifel! Sais ist die Prinzessin. Ich selbst will es vor dem Volke bestätigen.
 
 
Mirza
 
 
Dürfen wir dem Freunde des Thamos trauen?
 
 
Sethos
 
 
Weicht nicht Thamos selbst der Tochter des Menes, so ist er meiner Freundschaft unwürdig.
 
 
Pheron
 
 
Aber meine Absichten!
 
 
Sethos
 
 
Ägyptens Gesetze binden die Wahl der Königinnen an einen der Fürsten ihres Stamms. Du bist ein Sprosse unsrer Könige. Reicht Tharsis dir die Hand, so beugt sich alles zu deinen Füßen.
 
 
Pheron
 
 
Wer mir widersteht, der zittere! Das Kriegsheer ist auf meiner Seite. Keine Gegend Ägyptens, wo nicht meine Anhänger sich bereit halten. Die Hauptstadt gibt das Zeichen, und alles greift zu den Waffen.
 
 
Sethos
 
 
Die Tochter des Menes bedarf ihrer nicht. Ich gehe jetzt, um die Vertrautesten meiner Priester zu der großen Begebenheit vorzubereiten.
 
 
Mirza
 
 
Wir verlassen uns auf dich, Sethos! Bleibst du getreu, so fordere alle Belohnungen, die du willst.
 
 
Pheron
 
 
Wirst du zum Verräter, so zittere für dich und für deine Freunde!
 
 
Sethos
 
 
Sethos fürchtet keine Drohungen. Er erfüllt aber, was er verspricht.
 
 
Sechster Auftritt
 
 
Pheron. Mirza.
 
 
Mirza
 
 
Wir können ihm trauen. Der eifrigste Anhänger des Menes! Zwar auch des Thamos und des Phanes Freund. Doch um sie nicht in Gefahr zu setzen, wird er schweigen.
 
 
Pheron
 
 
Vergebliche Vorsicht! Beide, er selbst, werden Opfer meiner Sicherheit.
 
 
Mirza
 
 
Des Sethos schone! Das Volk verehret ihn. Es glaubt, die Götter reden durch seinen Mund. Aber Phanes und Thamos müssen aus dem Wege. – Thamos ist dein Nebenbuhler.
 
 
Pheron
 
 
Er, welcher glaubt, mich liebe Sais?
 
 
Mirza
 
 
Dieser Wahn ist eine Wirkung meiner List. Zwar geradezu sagte ich es ihm nicht. Nur als eine Vermutung brachte ich die Sache vor. Er trug mir auf, der Sais Gesinnungen zu erforschen.
 
 
Pheron
 
 
Kennst du sie?
 
 
Mirza
 
 
Sais liebt den Thamos.
 
 
Pheron
 
 
Entsetzlicher Streich!
 
 
Mirza
 
 
Beruhige dich. Sais empfand bloß Gegenneigung, weil sie den Thamos für ihren Anbeter hielte. Vielleicht blendete sie auch der Schimmer des Diadems! – Jetzt, da man sie beredet hat, des Thamos Wahl sei auf eine andere, auf ihre Freundin Myris, gefallen, wird sich ihre Liebe bald in Hass verwandeln, die Abneigung, die ich ihr gegen des Ramesses Haus einflößte, wieder erwachen.
 
 
Pheron
 
 
Bestärke sie darinne, ich beschwöre dich. Entdecke ihr ihre Geburt, kein Augenblick werde versäumt!
 
 
Mirza
 
 
Sie erwartet meiner an der innern Türe. Ich rufe sie hieher. Verbirg dich. (Pheron tut es und Mirza ruft der Sais.) Sais!
 
 
 
 
 
Siebenter Auftritt
 
 
Mirza. Sais.
 
 
Sais
 
 
Was befiehlt Mirza?
 
 
Mirza
 
 
Ich habe mit dir von großen Dingen zu sprechen. Der heutige Tag entscheidet dein und unser aller Schicksal. Du weißt, Sais! dass ich dir stets geneigt war und dass ich dich allen deinen Gespielinnen vorzog. Jetzt wirst du die Ursache vernehmen.
 
 
Sais
 
 
Welche es immer sei, deine Gesinnungen wurden von mir durch gleiche vergolten.
 
 
Mirza
 
 
(betrachtet sie)
 
 
Wie kann Thamos Vorzüge verkennen, die beim ersten Anblicke dich zum Throne bestimmen!
 
 
Sais
 
 
(sucht ihre Verwirrung zu verbergen)
 
 
Sais, wenn sie auch alle die Vorzüge besäße, womit deine Freundschaft ihr schmeichelt, würde nie ihre Augen so hoch erheben.
 
 
Mirza
 
 
Lange Zeit hat er mich betrogen. Seine Aufmerksamkeit schien ganz auf dich gerichtet, sein Herz von dir gefesselt zu sein. Du selbst, ist es nicht wahr? urteiltest ebenso. – Und jetzt wählt er die Myris!
 
 
Sais
 
 
Meine Freundin ist des Thrones würdig.
 
 
Mirza
 
 
Auch für dich hat Thamos gewählt.
 
 
Sais
 
 
Für mich?
 
 
Mirza
 
 
Er will dich dem Pheron geben.
 
 
Sais
 
 
(schnell)
 
 
Sag ihm, ich begehre von ihm nichts anders, als dass er mir meine Freiheit lasse.
 
 
Mirza
 
 
So gering wird Pheron von dir geschätzt?
 
 
Sais
 
 
Nein! ich verehre den Neffen der Mirza.
 
 
Mirza
 
 
Höre mich, Sais! Vernimm ein Geheimnis, an dessen Bewahrung Ägyptens Wohl hängt und das nur ich, Pheron und Sethos wissen. Zwar diesen Abend wird alles kund werden: aber bis dahin verschließe es in deiner Brust. Dich selbst geht die Sache an. Schwöre bei der Sonne, dass du es nicht entdecken willst.
 
 
Sais
 
 
(die Hand ausstreckend)
 
 
Für Ägyptens Wohl schwöre ich.
 
 
Mirza
 
 
Gut, Sais! Bald wirst du von mir einen andern Namen empfangen. – Das Andenken unsers großen Menes war dir allzeit wert?
 
 
Sais
 
 
(mit Empfindung)
 
 
Teuer, verehrungswürdig, gleich der Erinnerung an eine wohltätige Gottheit! Hätte ich auch nicht das Lob des besten Königs jeden Tag aus deinem Munde gehört, so würde ganz Ägypten mir es entgegengetönt haben. Nie erscholl in meinen Ohren der Name Menes, wo er mir nicht in die Seele drang, wo ich nicht Regungen empfand, deren Ursache ich selbst nicht begreife.
 
 
Mirza
 
 
Jetzt wird sie sich dir aufklären. Du weißt, dass auch Tharsis, des Menes Tochter, für tot gehalten wird.
 
 
Sais
 
 
Sie kam in den Flammen um.
 
 
Mirza
 
 
Nein, die Götter haben sie erhalten. Tharsis, Ägyptens rechtmäßige Königin, lebt noch.
 
 
Sais
 
 
(lebhaft)
 
 
Was sagst du? Wo ist sie?
 
 
Mirza
 
 
Hier vor meinen Augen; du!
 
 
Sais
 
 
(äußerst erstaunt)
 
 
Ich! – die Tochter des Menes!
 
 
Mirza
 
 
Ja, du bist es! Noch heute wird dich Ägypten dafür erkennen.
 
 
Sais
 
 
Unglaublich, unmöglich! – Wo sind die Beweise meiner Geburt, meiner Erhaltung?
 
 
Mirza
 
 
Man wird sie diesen Abend den Fürsten und dem Volke vorlegen. Sethos, der Oberpriester, wird alles bekräftigen.
 
 
Sais
 
 
Auch er kannte mich! – Ich bin außer mir. – O Menes! göttlicher Menes! den ich den Unsterblichen gleich verehrte, du mein Vater!
 
 
Mirza
 
 
Zweifle nicht. Du wirst seinen Thron besteigen, Pheron erhebt dich darauf.
 
 
(Pheron tritt hervor.)
 
 
Achter Auftritt
 
 
Die Vorigen. Pheron.
 
 
Pheron
 
 
Ja, Sais! Pheron tut es. Er wagte viel, er wagte sein Leben. Doch jetzt hat er nichts mehr zu fürchten. Thamos ist in seiner Gewalt, sobald er will.
 
 
 
 
 
 
 
 
Sais
 
 
Unglücklicher Thamos!
 
 
Mirza
 
 
Du bedauerst den Feind deines Hauses?
 
 
Sais
 
 
Sein Vater war es, er nie.
 
 
Mirza
 
 
Könntest du wohl gar ihm deine Hand reichen? Noch heute wird das Volk von dir einen Gemahl fordern.
 
 
Sais
 
 
Nein, Mirza! Wer die Sais nicht als Sais wählte, den wählt auch sie als Tharsis nicht.
 
 
Pheron
 
 
Darf also Pheron hoffen?
 
 
Mirza
 
 
Ja, er darf. – Ich antworte für die Tochter des Menes. Dem, der alles für sie tut, sollte sie einen andern vorziehen?
 
 
Sais
 
 
Ich erkenne, Pheron! was ich dir schuldig bin. Doch du siehst meine Verwirrung. Vor einigen Augenblicken noch Sais; jetzt Tharsis, die Erbin des Reichs! Lass mich zu mir selbst kommen!
 
 
Mirza
 
 
Deine Wahl ist auf einen unsrer Fürsten beschränkt. Auf wen sonst kann sie fallen?
 
 
Pheron
 
 
Was hält dich noch zurück?
 
 
Sais
 
 
Lasset mir einige Zeit!
 
 
Mirza
 
 
Du musst dich jetzt erklären.
 
 
Sais
 
 
Ihr dringt zu stark in mich.
 
 
Mirza
 
 
Wir müssen deinen Entschluss wissen.
 
 
Sais
 
 
(mit Würde)
 
 
Bin ich, wie ihr sagt, Tharsis, bin ich eure Königin, so erwartet ihn.
 
 
(geht zurück)
 
 
Neunter Auftritt
 
 
Pheron. Mirza.
 
 
(beide betroffen, schweigen einige Augenblicke)
 
 
Mirza
 
 
Schon gebeut sie!
 
 
Pheron
 
 
Du warst zu heftig. Wenn sie jetzt den Thamos vorzöge!
 
 
Mirza
 
 
Nein, das lässt ihr Stolz nicht zu. Ihn, der eine andere liebt?
 
 
Pheron
 
 
Der Betrug kann entdeckt werden.
 
 
Mirza
 
 
In so kurzer Zeit? Sei unbesorgt!
 
 
Pheron
 
 
Thamos trug dir auf, der Sais Gesinnungen zu erforschen. Er wird kommen, Nachricht einzuholen. Was wirst du ihm sagen?
 
 
Mirza
 
 
Dass Sais für dich eingenommen ist.
 
 
Pheron
 
 
Wenn er aber sie selbst befragt?
 
 
Mirza
 
 
Er tut es nicht. Das Wort "Liebe" kömmt gegen sie nicht mehr aus seinem Mund.
 
 
Pheron
 
 
Sais kann ihm ihre Geburt entdecken.
 
 
Mirza
 
 
Oh! sie fürchtet zu sehr die Götter. Sie bricht ihren Schwur nicht.
 
 
Pheron
 
 
Pheron ist auf alles bereit. Führen ihn nicht Hochzeitfackeln zum Throne, so soll ihm das Schwert den Weg bahnen.
 
 
(Mirza gibt durch Reichung der Hand zu verstehen, dass sie ebenso denkt. Beide gehen ab: Mirza in das Haus der Sonnenjungfrauen, Pheron gegen die königliche Burg.)
 
 
Ende des dritten Aufzugs
 
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Nr. 4Eintrag von der Hand Leopold Mozarts in der autographen Partitur:
Der dritte Aufzug schließt mit der verräterischen Unterredung der Mirza und des Pherons.