Erster Auftritt
 
 
Sais, Myris wie Sonnenjungfrauen gekleidet; nur dass in dem Schleier das Bildnis der Sonne nicht eingestickt ist.
 
 
Myris
 
 
Welche Veränderung! – Die muntere Sais, deren jugendliches Herz nur Lachen und Fröhlichkeit kannte, deren stets heiterer Blick auch um sie herum alles Gewölke zerstreute, ist seit drei Monden tiefsinnig, zurückhaltend gegen ihre beste Freundin, sucht die Einsamkeit!
 
 
Sais
 
 
Du tust mir Unrecht, Myris! Deine Sais ist noch die, die sie stets war. Was könnte mich traurig machen? Welches Geheimnis sollte ich dir verhehlen? – Und warum das alles seit drei Monden?
 
 
Myris
 
 
Fragen, die du allein beantworten kannst. Die Sache selbst – willst du sie leugnen? (lächelnd) Darf ich erraten? – Thamos. …
 
 
Sais
 
 
(betroffen)
 
 
Thamos? – Glaubst du etwa? …
 
 
Myris
 
 
Ich glaube nichts. Doch dreimal wechselte der Mond, seitdem des Königs Besuche bei uns häufiger geworden sind: und eben so lange ist es, dass Sais ihre Munterkeit verloren hat.
 
 
Sais
 
 
Genug, Myris! – Nicht deine Freundin, du – hast Geheimnisse. Sais will sie nicht erforschen; aber man spotte auch ihrer nicht! – Welcher Gegenstand zieht den Thamos hieher? Auf wen ist seine Aufmerksamkeit gerichtet? Mit wem sind die Gespräche?
 
 
Myris
 
 
Und du leugnest noch, dass du liebest?
 
 
Sais
 
 
(schnell)
 
 
Ihn, der dich anbetet?
 
 
Myris
 
 
Zur Strafe sollte ich dich im Irrtume lassen. Doch nein, dein Zustand rührt mich. Wisse also: Thamos empfindet für dich, was du für ihn. – Du errötest. Keine Verstellung weiter, liebste Sais! Dein Herz schließe sich nur auf. Vom ersten Tage an bemerkte ich den Eindruck, den die Eigenschaften des jungen Helden bei dir machten. Ich sah den Fortgang deiner Neigung, ich sah deine Unruhe, als Thamos meinen Umgang zu suchen anfing. Leicht hätte ich sie stillen können, ich erwartete aber von dir den ersten Schritt.
 
 
Sais
 
 
Was für ein Geständnis verlangst du? – Einer Schwachheit, die deine Freundin gern sich selbst verbärge.
 
 
Myris
 
 
(umarmt die Sais)
 
 
Schütte dein Herz in meinen Schoß aus. Es hat Erleichterung nötig.
 
 
Sais
 
 
Hätte ich je geglaubt, dass Thamos, dass der Sohn desjenigen, gegen den mein Vater zur Verteidigung des Menes sein Leben aufopferte, mir andere Regungen als des Hasses und der Verabscheuung einflößen könnte? – O Mirza! Mirza! wie geschwind löschte seine Gegenwart deine schwarzen Abschilderungen aus!
 
 
Myris
 
 
Dir allein entdeckt Mirza ihre Abneigung gegen das Haus des Ramesses! Was für Absichten mag sie haben?
 
 
Sais
 
 
War es, um mir ihre Gesinnungen mitzuteilen: O wie sehr schlug die Hoffnung fehl! – Thamos erscheint. Ich finde in ihm nicht den Erben des Stolzes, der Herrschsucht, der Grausamkeit seines Vaters, das Gemälde der Mirza: nein! Güte, Leutseligkeit, sanftes Wesen mit Hoheit vereint; einen König, wie Ägypten ihn in dem Andenken des Menes verehret. – Ach, Freundin! Und dieser König, dessen jugendliche Stirne schon Lorbeer umkränzt, wirft auf die Sais seine Blicke! Sie glaubt darin mehr als Huld – Zärtlichkeit zu lesen. Noch andere Merkmale, unbedeutend für Gleichgültige und alles sagend, wenn das Herz der Ausleger ist, bestärken sie in ihrer Meinung. – Zu leicht, zu viel schmeichelte sie sich!
 
 
Myris
 
 
Dein Herz betrog dich nicht. Thamos war von dir gerührt, er ist es noch.
 
 
 
 
 
Sais
 
 
Du mir diese Versicherung?
 
 
Myris
 
 
Ungerechte Freundin! Wüsstest du den Inhalt der Gespräche, die dich in Unruhe setzen! Du – bist der Gegenstand. Thamos kennt unsere Freundschaft. Diese allein zieht mir seine Aufmerksamkeit zu.
 
 
Sais
 
 
Eine Frage, Myris! Die Antwort entscheidet unsern Streit. – Hat dir Thamos seine Neigung zu mir entdeckt?
 
 
Myris
 
 
Nein! ob ich ihm schon Gelegenheit gab.
 
 
Sais
 
 
(schnell)
 
 
So empfand er nie eine oder sie ist schon erloschen. Ach Myris! meine Furcht betrog mich nicht. –
 
 
Myris
 
 
(unterbricht sie)
 
 
Mirza nähert sich uns.
 
 
Zweiter Auftritt
 
 
Die Vorigen. Mirza.
 
 
Mirza
 
 
Ihr werdet diesen Abend bei der feierlichen Handlung mit den Jungfrauen der Sonne im Tempel erscheinen. (zu der Sais) Melde es deinen Gespielinnen. (zu der Myris) Du, Myris! verweile hier.
 
 
(Sais geht ab.)
 
 
Dritter Auftritt
 
 
Mirza. Myris.
 
 
Mirza
 
 
Schon lange nehme ich wahr, dass zwischen dir und Sais enge Freundschaft herrscht.
 
 
Myris
 
 
Umgang von Kindheit auf, gleiches Alter und gleiche Neigungen haben das Band geknüpft.
 
 
Mirza
 
 
Was ich dir jetzt sagen werde, darf Sais noch nicht wissen. Schwöre, ihr davon nichts zu entdecken.
 
 
Myris
 
 
Wenn das Geheimnis meiner Freundin zu keinem Schaden gereicht.
 
 
Mirza
 
 
Zu keinem.
 
 
Myris
 
 
So schwöre ich.
 
 
Mirza
 
 
Kennst du die Gesinnungen der Sais gegen den Thamos?
 
 
Myris
 
 
(betroffen)
 
 
Gegen den König? – Was für andere Gesinnungen kann sie haben, als die uns allen gemein sind, der Ehrfurcht und des Gehorsams?
 
 
Mirza
 
 
Weiche nicht meiner Frage aus. Thamos ist zugleich König und ein liebenswürdiger Jüngling. Hat er auf ihr Herz Eindruck gemacht?
 
 
Myris
 
 
Du weißt, Mirza! dass dergleichen Empfindungen selbst Freundinnen einander nicht anvertrauen.
 
 
Mirza
 
 
Ja! Ich weiß aber nicht weniger, dass der Gespielinnen Augen scharfsichtig sind. – Ohne Zurückhaltung, Myris! Du hast für deine Freundin nichts zu fürchten.
 
 
Myris
 
 
Wenn nun Thamos der Sais nicht gleichgültig wäre?
 
 
Mirza
 
 
(erschrickt, sucht es aber zu verbergen)
 
 
Hast du Grund, es zu vermuten?
 
 
Myris
 
 
Noch mehr, auch Thamos liebt sie.
 
 
Mirza
 
 
Eine wechselweise Zuneigung? – Myris! entweder bist du selbst im Irrtume oder du willst mich hintergehen. – Thamos liebte die Sais? Er, den du gefesselt hast? – Ägyptens Könige wählten mehr als einmal, wenn keine Töchter der Fürsten vorhanden waren, ihre Gemahlinnen aus den edlen Ägyptierinnen. Dies Los kann auch dir zuteilwerden.
 
 
Myris
 
 
(voller Verwunderung)
 
 
Wie! hätte Sais recht gehabt? –
 
 
Mirza
 
 
Selbst der Sais Augen ist des Thamos Neigung zu dir nicht entgangen? Und du zweifelst noch?
 
 
Myris
 
 
Weil Thamos diese Gesinnungen gegen mich nie zu erkennen gab. Gleichgültige Dinge oder Fragen, welche die Sais betrafen, waren der Inhalt unserer Gespräche.
 
 
Mirza
 
 
Entdeckte er dir seine Liebe zu der Sais?
 
 
Myris
 
 
Ebenso wenig. Ich versuchte zwar bisweilen, ihm das Geständnis zu entlocken, aber vergebens.
 
 
Mirza
 
 
Ein Beweis, dass Sais ihn nicht gerührt hat! Leidenschaft, die das Herz erfüllt, blickt durch alle Verstellung hervor. – Glaube mir, glaube deinen Gespielinnen! Wir alle sehen, was du allein nicht siehst. Dich liebt der König, deinen Umgang sucht er, wenn er mit dir von deiner Freundin spricht.
 
 
Myris
 
 
Was kann ihn zurückhalten, mir seine Liebe zu erklären?
 
 
Mirza
 
 
Vielleicht geheime Ursachen. Ich will mich bemühen, sie zu erforschen. Myris soll, Myris wird unsere Königin werden.
 
 
Myris
 
 
Hüte dich, wenn er die Sais liebt, ihr sein Herz zu rauben. Mein Glück sei nicht auf die Qual meiner Freundin gebaut!
 
 
Mirza
 
 
Ist Sais wirklich für den Thamos eingenommen?
 
 
Myris
 
 
Du entreißest mir das Geheimnis meiner Freundin. – Ja, Mirza! Sais liebt den Thamos. Sie schmeichelte sich, auch von ihm geliebt zu sein. Ich selbst glaubte es noch, als ich schon die Ursache ihres Kummers war. Sie verbarg mir ihn. Erst heut in dem Augenblicke, als du kamest, ergoss sich ihr gepresstes Herz in meinen Busen.
 
 
Mirza
 
 
Höre, Myris! Sais kann nie des Thamos Gattin werden. Die Hindernisse wirst du erfahren. Eben dies war das Geheimnis, das ich dir anvertrauen wollte. Schon lange besorgte ich, Sais möchte sich durch eitle Hoffnungen blenden lassen: Darum suchte ich ihr gegen das Haus des Ramesses Abneigung einzuflößen. – Ist dir deine Freundin wert, so hilf die in ihrer Brust auflodernde Flamme ersticken.
 
 
Myris
 
 
Was wird Sais von mir denken? – Kaum habe ich sie der Gegenliebe des Thamos versichert, ihre Zweifel zu zerstreuen gesucht: nun soll ich mir widersprechen. Wird nicht eine so schnelle Änderung bei ihr Verdacht erwecken? Verlangt sie, die Ursache zu wissen, was soll ich ihr antworten?
 
 
Mirza
 
 
Sag ihr, du hättest von mir gehört, der König liebe eine andere. Du redest die Wahrheit. Des Thamos Wahl ist getroffen. Auf dich ist sie gefallen. Mirza ist Bürge dafür. – Willst du nun noch deine Freundin im Argwohne lassen? Willst du nicht lieber sie zu einer Nachricht vorbereiten, die sie erfahren muss? Und wenn sie dann vernimmt, dass Myris Ägyptens Königin wird, hast du nicht Vorwürfe von ihr zu erwarten?
 
 
Myris
 
 
Du stürzest mich in eine Verlegenheit. –
 
 
Mirza
 
 
Sais kömmt zurück. Erinnere dich deines Eides.
 
 
(Mirza geht ab.)
 
 
Vierter Auftritt
 
 
Myris. Sais.
 
 
Sais
 
 
(munter)
 
 
Auf des Königs Befehl erscheinen wir im Tempel. – Myris! höre meine Mutmaßung. Thamos, indem er heut Ägyptens Diadem umwindet, stellet vielleicht zugleich dem Volke seine Königin dar.
 
 
Myris
 
 
sich zwingend
 
 
Woraus diesen Schluss?
 
 
Sais
 
 
Weil sonst nur die Sonnenjungfrauen dem Opfer beiwohnen. – Freundin! für dir hat Sais kein Geheimnis mehr. – Wie schlägt ihr das Herz! Wird Thamos sie, wird er eine andere wählen? – Wenig Stunden entscheiden ihr Schicksal.
 
 
Myris
 
 
Ja! noch dieser Abend.
 
 
Sais
 
 
Du warst es, die meine schon erloschene Hoffnung wieder anfachte. Je mehr ich nachdenke, je mehr belebt sie sich. Dem Thamos sind meine Empfindungen nicht verborgen geblieben. Er gab es zu erkennen. (über der Myris Stillschweigen betroffen, nach einer kurzen Pause Aber Myris! du schweigst! Du wendest deine Augen weg! Was soll ich urteilen? – Ihr Götter! wenn meine Freundin mich hinterginge!
 
 
 
 
 
Myris
 
 
Nein, Sais! Das sei ferne von mir. Gäben meine Wünsche Ägypten seine Königin, du würdest es in diesem Augenblicke. – Allein wo ist die Sicherheit, dass sie erfüllet werden? Schlagen nicht oft scheinbare Hoffnungen fehl?
 
 
Sais
 
 
(immer mehr betroffen)
 
 
Myris! Myris, die noch vor Kurzem ihrer Freundin Trost zusprach, jetzt selbst voller Zweifel! (mit Empfindung) Was hältst du lang zurück? Sag es frei heraus. Keine Hoffnung ist für die Sais übrig. – Aber, Grausame! was bewog dich, meiner zu spotten?
 
 
 
 
 
Myris
 
 
Ungerechte Freundin! Findest du mich geändert, so höre zuvor die Ursache und dann verurteile mich. Sais! – Ich durchbohre dir das Herz, allein ich darf nicht schweigen. – Mirza behauptet, Thamos habe schon eine andere gewählet. – Sieh die Größe meiner Aufrichtigkeit! Ich – soll es sein.
 
 
Sais
 
 
(die ganze Rede mit Empfindung)
 
 
Du, Myris? – Meine Freundin Ägyptens Königin? Ja! Sie, sie verdient es. Ihr opfert Sais ihre Wünsche auf. – Wünsche, (seufzend) nicht nach dem Throne! – Sich weihet sie dem Dienste der Sonne. Ein Vorsatz, den sie längst hatte und den erst – Nichts mehr! – Nur eine Bitte noch, Myris! Begrabe das Geheimnis deiner unglücklichen Freundin in deine Brust und – hasse mich nicht.
 
 
Myris
 
 
(umarmt sie)
 
 
Ich dich hassen? – Keinen übereilten Schritt, Sais! Gelübde vor den Altären sind schnell ausgesprochen, aber nichts löst sie wieder auf. Vielleicht betrügt sich Mirza, vielleicht ist es eine Erdichtung von ihr.
 
 
(Man sieht in der Entfernung den Thamos kommen.)
 
 
Sais
 
 
Ich sehe den Thamos. Lass mich fliehen.
 
 
(geht auf der andern Seite ab)
 
 
Fünfter Auftritt
 
 
Thamos. Myris.
 
 
Thamos
 
 
(zu der Myris, die ebenfalls abgehen will)
 
 
Wohin eilt Sais?
 
 
Myris
 
 
Zurück in ihre Wohnung. Wir alle haben uns auf große Feierlichkeit zuzubereiten.
 
 
Thamos
 
 
Hat euch nicht der Befehl befremdet?
 
 
Myris
 
 
Mit Freuden bringen auch wir der Gottheit für dein Wohl unsere Gelübde.
 
 
Thamos
 
 
Erratet ihr die Absicht?
 
 
Myris
 
 
Uns geziemt nicht, in die Geheimnisse unsers Königs einzudringen.
 
 
Thamos
 
 
Er ist jung und unvermählt. Die Gesetze gebieten ihm, Ägypten eine Königin zu geben. Wenn seine Wahl auf eine aus euch gefallen wäre!
 
 
 
 
 
Myris
 
 
Glücklich diejenige, die ein so herrliches Los trifft!
 
 
Thamos
 
 
Habt ihr nichts gemutmaßet?
 
 
Myris
 
 
Ich bekenne dir, Herr! dass, als du kamst, Sais und ich eben davon sprachen.
 
 
Thamos
 
 
Entdecktet ihr vielleicht einander eure Gedanken, auf wen meine Wahl sich lenken würde?
 
 
Myris
 
 
Wie können wir erraten, was du in deinem Herzen verbirgst?
 
 
Thamos
 
 
Thamos wird keine andere wählen, als die ihn liebt.
 
 
Myris
 
 
(schnell)
 
 
So hat er schon gewählt.
 
 
Thamos
 
 
(lebhaft)
 
 
Von wem redest du?
 
 
Myris
 
 
Herr! ich sagte zu viel. (die Mirza kommen sehend) Erlaube, dass ich der Sais folge.
 
 
Sechster Auftritt
 
 
Thamos. Mirza.
 
 
Mirza
 
 
Diesen Augenblick höre ich, dass du hier seiest. – Aber wie! Thamos ohne den Pheron?
 
 
Thamos
 
 
Weil ich dir etwas zu eröffnen habe, wovon dein Neffe noch nichts weiß.
 
 
Mirza
 
 
Mirza erwartet ihres Königs Befehle.
 
 
Thamos
 
 
Du hast wahrgenommen, dass unter den edlen Jungfrauen, die deiner Aufsicht anvertrauet sind, Myris und Sais von mir ihren Gespielinnen vorgezogen werden.
 
 
Mirza
 
 
Ja, Herr! und wenn Mirza Mutmaßungen wagen darf, so wird eine aus beiden Ägyptens Königin.
 
 
Thamos
 
 
Und die andere die Gemahlin des Pherons.
 
 
Mirza
 
 
(lebhaft)
 
 
Welche? – Herr! verzeihe der Kühnheit.
 
 
Thamos
 
 
Erteile mir deinen Rat.
 
 
Mirza
 
 
Wenn du vielleicht schon beschlossen hast?
 
 
Thamos
 
 
Setze voraus, es sei noch nicht geschehen. Niemand kennt beide genauer als du.
 
 
Mirza
 
 
Sais wurde mir von deinem Vater im zweiten Jahre ihres Alters übergeben. Der ihrige, ein eifriger Anhänger des Menes, war in dem Treffen geblieben, das den Ramesses auf Ägyptens Thron befestigte.
 
 
Thamos
 
 
Ein Glück, dass sie die Abneigung gegen mein Haus nicht erbte!
 
 
Mirza
 
 
Ich habe mir alle Mühe gegeben, das Vorurteil bei ihr auszurotten. Ob es mir ganz glückte –
 
 
Thamos
 
 
Wie! Sais hasste mich?
 
 
Mirza
 
 
Nein, dessen beschuldige ich sie nicht. Begnügt sich aber Thamos damit, dass man ihn nicht hasst? Verlangt er nicht auch Gegenliebe?
 
 
Thamos
 
 
Ja, Mirza! Diejenige, die an meiner Seite auf dem Throne sitzt, soll ihre Blicke nicht hinab, sondern neben sich, nicht auf den König, sondern auf den Thamos wenden; ebenso freudig mit ihm den Thron wieder verlassen, als sie dessen Staffeln besteigt.
 
 
Mirza
 
 
Bei der Myris findest du diese Gesinnungen.
 
 
Thamos
 
 
(schnell)
 
 
Nicht auch bei der Sais?
 
 
Mirza
 
 
Herr! ich hätte schweigen sollen. –
 
 
Thamos
 
 
Wäre Sais für einen andern eingenommen! – Pheron allein begleitet mich hieher.
 
 
Mirza
 
 
Ich habe ihr Geheimnis noch nicht erforscht. Wenn aber mein Urteil mich nicht betrügt, so hat Pheron auf ihr junges Herz Eindruck gemacht. Sie und wir alle hielten Myris für die Glückliche, der Thamos seine Hand bestimme.
 
 
Thamos
 
 
Liebt Pheron die Sais?
 
 
Mirza
 
 
Er sprach nie mit mir davon. Wenn aber auch schon seine Augen scharfsichtig gewesen wären, wenn ihn selbst der Sais Reizungen gerühret hätten, so weiß er doch, was er seinem Könige schuldig ist.
 
 
Thamos
 
 
Noch glaube ich, Mirza! dass du irrest; so, wie du wegen meiner Neigung zu der Myris dich betrogen hast. – Sais war es, die beim ersten Anblick mich fesselte. Ihre edle Gestalt, ihr hoher Geist, der aus ihrem ganzen Wesen hervorstrahlt, schienen sie für den Thron zu bestimmen. Von jener Stunde an war meine Wahl entschieden; ich wollte aber vorher der Sais Gesinnungen versichert sein. – Ich gestehe dir es, Mirza! Ich glaubte, in ihren Augen Gegenliebe zu lesen. So oft ich mit ihrer Gespielin sprach, nahm ich eine Unruhe bei ihr wahr. Um sie noch mehr auf die Probe zu stellen, verdoppelte ich meine Unterredungen mit der Myris. Ihr alle glaubtet, meine Wahl wäre auf diese gefallen. Heut wollte ich meine Neigung entdecken, und eben heut höre ich von dir, dass Sais den Pheron liebt. – Ist es so, liebt auch Pheron die Sais, so opfere ich meine Neigung auf, so knüpfe ich selbst das Band.
 
 
Mirza
 
 
Wie edel, Herr! wie deiner würdig!
 
 
Thamos
 
 
Rede du mit der Sais. Verschweige aber, dass es auf mein Geheiß geschiehet. Ist ihr Herz für einen andern eingenommen, so soll sie aus meinem Munde nie das Wort „Liebe“ hören. Wählet es den Thamos – als Thamos, nicht als König –, so wird dieser selbst ihr Hand und Thron anbieten.
 
 
Siebenter Auftritt
 
 
Die Vorigen. Phanes.
 
 
Phanes
 
 
Du erlaubtest mir, dir hieher zu folgen.
 
 
Thamos
 
 
Geh, Mirza! und richte meinen Auftrag aus.
 
 
(Mirza geht ab.)
 
 
Achter Auftritt
 
 
Thamos. Phanes.
 
 
Phanes
 
 
(nachdem Mirza sich entfernet hat)
 
 
In der Mirza Gegenwart durfte ich nicht reden. Die Sache betrifft ihren Neffen. – Herr! dieser Pheron, dem du heute die Stadt und deine Person anvertrauest, ist vielleicht selbst der Aufrührer oder weiß um den Verrat.
 
 
Thamos
 
 
Was sagst du? – Pheron, der mit mir aufwuchs! mein Freund! mein Vertrauter!
 
 
Phanes
 
 
Noch will ich ihn nicht für schuldig erklären; aber verdächtig machen ihn seine Schritte.
 
 
Thamos
 
 
Wie, Phanes! ein bloßer Schein ist dir genug, um die Ruhe deines Königs, das Vertrauen, das er in einen Freund setzt, zu stören? – Wenn ich nun durch deine Übereilung mich hinreißen ließe, wenn ich zu schnell gegen den Pheron etwas beschlösse; und Pheron zeigte dann seine Unschuld: was hättest du getan! Wie könnte ich das Unrecht ersetzen!
 
 
Phanes
 
 
Höre meine Gründe und tue alsdann, was du willst. Man hat Briefe des Pheron nach Memphis aufgefangen, mit unbekannten Charaktern geschrieben und an Missvergnügte gerichtet.
 
 
Thamos
 
 
Weiß man gewiss, dass sie von ihm kamen? Können nicht Boshafte sich seines Zeichens bedient haben?
 
 
Phanes
 
 
Diese Nacht ist bei ihm eine geheime Versammlung gehalten worden.
 
 
Thamos
 
 
Wer war dabei?
 
 
Phanes
 
 
Man hat nach Mitternacht vermummte Leute aus seinem Palaste herausgehen sehen.
 
 
Thamos
 
 
Man kennet also die Personen nicht? Pheron ist jung und liebt jugendliche Ergötzungen. – Willst du allen Handlungen deiner Mitbürger nachspähen? Da Verbrechen suchen, wo vielleicht nur unschuldige Freuden sind?
 
 
 
 
 
Phanes
 
 
Herr! dein Zutrauen führt dich zu weit. Weil dein edles Herz auch nicht den Schatten der Arglist kennt, urteilst du nach dir von allen andern. Auch Phanes dachte einst so, aber schmerzliche Erfahrungen haben ihn argwöhnisch gemacht. Nur zu oft fand er Menschen, die gütigen Dämonen glichen und Herzen nubischer Tiger im Busen verbargen.
 
 
Thamos
 
 
Möchten die Götter des Thamos Tage verkürzen, ehe seine Augen dergleichen Ungeheuer erblicken!
 
 
Phanes
 
 
Glaube mir, Herr! Pheron geht mit großen Absichten schwanger. Man hat aus seinem Munde gehört, dein Thron wanke. Die Worte entfuhren ihm. Er erschrak darüber, er suchte, ihnen eine unschuldige Auslegung zu geben, und eben dadurch machte er sich verdächtig.
 
 
Thamos
 
 
Können sie nicht auch einen unschuldigen Verstand gehabt haben? Der Same des Aufruhrs keimt an vielen Orten des Reichs.
 
 
Phanes
 
 
Achtest du deine eigene Sicherheit wenig, so denke daran, was du Ägypten schuldig bist. Soll ein neuer Bürgerkrieg entstehen? – Herr! einen Thamos darf man frei an Zeiten erinnern, die bei andern Fürsten der Schmeichler in Dunkelheit verhüllen würde. Hätte Menes dem Ramesses weniger getrauet, so wäre er auf dem Throne geblieben.
 
 
 
 
 
Thamos
 
 
Was soll ich also tun?
 
 
Phanes
 
 
Wenn du dich der Person des Pherons nicht gleich jetzt versichern willst – dies wäre mein Rat –, ihn unvermerkt von Personen umgeben zu lassen, die seine Tritte beobachten.
 
 
Thamos
 
 
Werden nicht diese Personen allem, was sie sehen, eine schwarze Ausdeutung geben und eben dadurch ihre Pflicht zu erfüllen glauben? – Nein! ich selbst will dem Pheron die Anzeige eröffnen. Ich will ihm dabei sagen, dass ich keinen Argwohn schöpfe; ich will von ihm weder Rechtfertigung fordern, noch annehmen. – Ist Pheron, wie ich hoffe, unschuldig, so wird ihn mein Zutrauen rühren. Hegt er in seiner Brust, ihr Götter verhütet es! treulose Anschläge, so wird ihn die Nachricht, dass er entdeckt ist, schrecken, von der Ausführung abhalten.
 
 
Phanes
 
 
Herr! dein Plan ist gefährlich.
 
 
Thamos
 
 
Sei er es! Um einen Freund zu retten, wagt Thamos alles.
 
 
(geht mit dem Phanes ab)
 
 
Ende des zweiten Aufzugs
 
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Nr. 3Eintrag von der Hand Leopold Mozarts zu Beginn der Nummer in der autographen Partitur:
Thamos guter Charakter zeigt sich am Ende des zweiten Aufzugs. Der dritte Aufzug fängt sich mit Thamos und dem Verräter Pheron an.

Weitere Einträge von der Hand Leopold Mozarts im Laufe der Nummer:
Pherons falcher Charakter (T. 8)
Thamos Ehrlichkeit (T. 11)